1/2005
Schwerpunkt: Queere Politik: Analysen, Kritik, Perspektiven
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Antke Engel, Nina Schulz, Juliette Wedl
Kreuzweise queer: Eine Einleitung
In der Einleitung zeigen wir ein spezifisches Verständnis von queerer Theorie auf, welches uns geeignet scheint, nicht nur die interne Heterogenität queerer Theorie und Politik anzuerkennen, ohne Machtdifferenzen im Sinne einer „multikulturellen Vielfalt“ zu negieren, sondern auch gesellschaftskritisch ein Denken der Durchkreuzung (intersectionality) von Herrschaftsverhältnissen zu ermöglichen. Ausgehend von einer deutschsprachigen Debatte, die Heteronormativitätskritik als Herrschaftskritik begreift, plädieren wir für eine erweiterte Perspektive, die diese Kritik in einem Feld sich wechselseitig durchkreuzender Herrschaftsrelationen ansiedelt. Spezifische Positionalitäten ermöglichen so, in makropolitische Auseinandersetzungen z.B. mit Staatlichkeit, Nationenbildung, globalen ökonomischen Verflechtungen und Migrationsregimen zu münden. Im Anschluss daran werden queere Politikformen betrachtet und diskutiert. Fragwürdig erscheint uns, ob Koalitionspolitiken eine geeignete Antwort auf einen Durchkreuzungsansatz darstellen. Vielmehr gilt es in Anerkennung der Komplexität politischer Machtverhältnisse Formen zu finden, die es ermöglichen, dass Widersprüche, Paradoxien und Konflikte produktiv werden und in die politische Praxis Eingang finden.
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Jinthana Haritaworn
Am Anfang war Audre Lorde.
Weißsein und Machtvermeidung in der queeren Ursprungsgeschichte.
Dieser Artikel stellt eine genealogische Analyse der weißen Rezeption ethnisierter Beiträge zur dominanten queeren Theorie und Geschichte dar. Diese ist durch Auslassung, Vereinnahmung und Machtvermeidung gekennzeichnet. Einerseits werden historische ethnisierte Identitäten ausgeblendet und, in der deutschen unübersetzten Übernahme des englischen Begriffs queer, auch sprachlich vergessen. Andererseits werden die Feministinnen of colour der 1980er Jahre für das hegemoniale postmodernistische Projekt angeeignet, oft um zeitgenössische Interventionen in ihrem Geiste zu diskreditieren. Während Mehrfachunterdrückte auf diese Art zu abstrakten Symbolen queerer Gerechtigkeit und essentialistischer Ungerechtigkeit erhoben werden, bleiben die konkreten Machtverhältnisse in queeren Räumen zumeist unhinterfragt.
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Monika Mayrhofer
heterosExUelle Ausrichtungen.
Die Supranationalisierung sexueller Normen im Kontext der EU-Integration
Der Integrationsprozess im Rahmen der Europäischen Union (EU) hat sich gegenüber den von der heterosexuellen Norm abweichenden Sexualitäten durchwegs von seiner liberalen Seite präsentiert. Der Artikel geht daher der Frage nach, ob sich im Verlauf des Integrationsprozesses in den Mitgliedsstaaten eingelassene (hetero-)sexuelle Normen aufgelöst haben, oder dieser bloß eine Modifikation sexueller Ordnungen im supranationalen Kontext bedeutet. Anhand der Staatlichkeit der EU und des Konzepts der UnionsbürgerInnenschaft soll gezeigt werden, dass Heteronormativität auch im supranationalen EU-Raum eingeschrieben ist und in der eigenartigen Physiognomie dieses Gebildes durch spezifische In- und Exklusionsmuster wirksam wird.
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María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan
Spiel mit dem „Feuer“ – Post/Kolonialismus und Heteronormativität
1860 wurde in British India das koloniale Anti-Sodomie-Statut, Section 377, in das Indische Strafgesetzbuch übernommen. Die Kriminalisierung der Homosexualität reflektiert dabei, was häufig ignoriert wird: Die viktorianische Gouvernementalität der britischen Kolonialmacht. 50 Jahre nach der Dekolonisierung ist in Indien heute weltweit eine der härtesten Gesetzgebungen gegen Homosexualität in Kraft getreten. Nach dieser können homosexuelle Praxen mit der Höchststrafe einer lebenslangen Haft sanktioniert werden.
In unserem Beitrag nehmen wir die Debatten um den erfolgreichen Diaspora-Film Fire zum Ausgangspunkt, um das komplizierte Verhältnis zwischen Sexualität, Kultur und Post/Kolonialismus zu beleuchten. Die Rezeption des Films in den Medien und kritischen Diskursen – im Westen wie in Indien – kann geradezu als symptomatisch für das Verhältnis „Orient – Westen“ und die darin enthaltende Macht der Repräsentationspolitik gelesen werden. Neben dieser Rezeptionsanalyse werden auch die Coming-out-Politiken im Allgemeinen problematisiert. Hiefür rekurrieren wir auf Michel Foucault, für den Subjekte durch eben die Diskurse produziert und kontrolliert werden, die ihre Emanzipation zum erklärten Ziel haben. Selbst wenn das Coming-out des wahrhaft unterdrückten lesbischen Subjekts als ein „Durchbrechen des Schweigens“ gefeiert wird, so bedeutet dies eben nicht, dass dadurch die hegemoniale Heteronormativität zwangsläufig irritiert wird. Ein Effekt von Fire war beispielsweise im Gegenteil die Verschärfung antihomosexueller Gesetzgebung in Indien durch die rechtskonservative Hindu Partei (BJP), die bis 2004 an der Regierungsmacht war.
Queer Theory als auch postkoloniale Theorie weisen eklatante Leerstellen auf, die in der Konsequenz soziale Realität in globalisierten postkolonialen Zeiten simplifizieren und die bestehende Heteronormativität, als auch die rassistische Fundierung von Gesellschaft, missachten. Eine gegenseitige kritische Betrachtung kann u.E. dagegen kritische Studien in die Lage versetzen, beide Theoriestränge in eine notwendige doch produktive Krise zu bringen.
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Heike Raab
Aspekte queerer Staatskritik – Heteronormativität, institutionalisierte Identitätspolitiken und Staat
Trotz einer mittlerweile vorfindbaren gesellschaftstheoretischen Einbettung der Queer Theory fehlt eine fundierte heteronormativitätskritische Auseinandersetzung über institutionalisierte Identitätspolitiken in und mit den Arenen des Staates. D.h. „Queering the State“, so meine These, ist eine Leerstelle in queerer Theorie und Forschung. Mit Blick auf die mangelnde Theoretisierung des Staates ist ein Ziel meines Artikels, erste Konturen einer queeren Staatskritik auszuloten. Unter Verwendung verschiedener staatstheoretischer Zugangsweisen möchte ich zunächst diese staatstheoretischen Konzepte heteronormativitätskritisch diskutieren. Kern der Auseinandersetzung um ein queeres Staatsverständnis werden dabei feministisch-poststrukturalistische Staatsansätze, Aspekte der Regulationsschule und das Gouvernementalitätskonzept von Foucault sein. Darauf bezugnehmend soll das Verhältnis von Heteronormativität, institutionalisierte Identitätspolitiken und Staat erörtert werden. Drei Punkte gilt es hierbei zu berücksichtigen: Erstens die aktuelle neoliberal kapitalistische Transformation des staatlichen Gefüges. Hier vertrete ich die These, das die sozio-ökonomischen Umstrukturierungen das Verhältnis von Heteronormativität, Staat und institutionalisierten sexuellen Identitätspolitiken in diskrepanter und wechselseitiger Weise verändern. Zweitens die Janusköpfigkeit des Staates und schließlich drittens Fragen nach Möglichkeiten alternativer Strategien angesichts der Dominanz von staatsbezogenen Gleichstellungs- und Integrationspolitiken in lesbisch/schwulen Bewegungen.
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Adrian de Silva, Ilka Quirling
Zur gegenwärtigen Situation asylsuchender transgeschlechtlicher Menschen in der Bundesrepublik Deutschland
Der Erfolg von Asylanträgen hängt wesentlich von der Bewertung der Glaubwürdigkeit der jeweiligen antragstellenden Person ab. In dem Beitrag untersuchen wir, wie sich die Glaubwürdigkeitsprüfung insbesondere für transgeschlechtliche Personen gestaltet.
Zunächst erfolgt eine Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen des Asylverfahrens. Anschließend wird das Asylverfahren von aus Ecuador bzw. Peru stammenden Transfrauen mittels eines Anhörungsprotokolls, eines Bescheids und einer verwaltungsgerichtlichen Entscheidung skizziert. Nach der Klärung des rechtlichen Kontextes und der Darlegung der einzelnen Fälle werden die jeweiligen Entscheidungen auf ihre inhärenten Annahmen über das Verhältnis von Staat und Gesellschaft, von privat und politisch, Sexualität und Geschlecht hin analysiert und interpretiert. In einem abschließenden Ausblick werden vor dem Hintergrund zuvor herausgearbeiteter Normen sowie aktueller Entwicklungen europarechtlicher Asylverfahrensgesetzgebung Handlungsmöglichkeiten für AnwältInnen aufgezeigt.
Anhand der Analyse und theoretischen Einordnung prägnanter Aussagen der jeweiligen Entscheider wird offensichtlich, dass liberale Auffassungen von Staatlichkeit und Politik sowie Heteronormativität und naturalisierte Zweigeschlechtlichkeit derart miteinander verwoben sind, dass das Asylverfahren auch angesichts der Rechtsänderungen ohne eine Infragestellung dieser Normen und Annahmen transgeschlechtlichen Menschen nur begrenzt Schutz vor Verfolgung bieten kann.
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Georg Brunner
Sexualität und Spätkapitalismus – revisited?
Queer-politische Praktiken im Kontext neoliberaler Verhältnisse
Zentrales Anliegen dieses Beitrags ist es, dem Verhältnis von sexuellem Begehren und (spät-)kapitalistischen Verhältnissen und dessen Implikationen für queere Politik nachzugehen. Mithilfe des Konzeptes der Durchkreuzung (intersectionality), das nach gegenseitigen Herstellungs- und Durchdringungsverhältnissen von race, Klasse, Gender und Sexualität fragt, kann die Verortetheit queer-politischer Praktiken innerhalb des Verhältnisses von Sexualität und Spätkapitalismus kritisch hinterfragt werden. Queer-politische Praktiken begründen sich in einem Widerstand gegenüber heterosexuellen Hegemonien, die normativ in Paar-Ideologien, Liebeskonzepten und Vorstellungen sexueller und geschlechtlicher Eindeutigkeit eingeschrieben sind. Sie werden hier als Eingriffe ins Soziale und Politische analysiert, die aber trotzdem Ausbeutungsverhältnisse oftmals unberücksichtigt lassen. Anhand verschiedener Manifestationen queer-politischen Denkens und Handelns werde ich skizzieren, wie deren Sexualitätskonzepten ein unthematisiertes, bürgerliches Klassenkonzept innewohnt. Es wird sich zeigen, dass entgegen dem Programm, die Durchkreuzungen über das Begehren zu denken, im Rahmen queerer Politik das Begehren tendenziell von kapitalistischen Verhältnissen isoliert und seine Verflochtenheit mit Klassenverhältnissen nicht mitgedacht wird. Queere Politik als anti-normatives Projekt muss die eigene Eingebundenheit in Konsum-, Produktions-, und globale Ausbeutungsverhältnisse mitdenken, um dadurch auch die Verschränkungen und gegenseitigen Artikulationen von Klasse, Geschlecht, Sexualität und race mehr ins Blickfeld zu rücken. Nur durch ein Zusammendenken der Pluralisierung und Flexibilisierung von Geschlecht und Sexualität mit Expansionen der Warenförmigkeit und Flexibilisierungen der Produktion im Postfordismus kann den Durchkreuzungsmechanismen sozialer Systeme Rechnung getragen werden.
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