2/2003
Schwerpunkt: Parteilichkeit? Distanzierung? Instrumentalisierung?
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Barbara Holland-Cunz
Wissenschaft versus Politik im Feminismus.
Von der Dominanz des Politischen zur Eigenlogik engagierter Wissenschaft
Von der Dominanz des Politischen zur Eigenlogik engagierter Wissenschaft Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik im Feminismus ist seit Jahrzehnten umstritten. Unterschiedliche historische Phasen (siebziger Jahre: Dominanz des Politischen; achtziger Jahre: Kontroversen; neunziger Jahre: Dominanz postmoderner Theorien) haben eine Situation geschaffen, die sowohl durch eine faktische Trennung beider Sphären als auch durch die unterschwellig noch immer bestehende Dominanz des Politischen gekennzeichnet ist. Diese Paradoxie lässt eine Neubestimmung der Relation heute geboten erscheinen: Sie sollte die Trennung beider Sphären als bewusste Entscheidung formulieren, um die jeweilige Eigenlogik wissenschaftlicher und politischer Standards zur Geltung zu bringen. Eine Grenzverwischung zwischen Wissenschaft und Politik produziert Wissenschaft, die der Praxis wenig innovativ "hinterher forscht" und eine Politik, die ihre eigenen Anliegen und Erfolgschancen schmälert. Nur "gute Zäune" (Michael Walzer) zwischen beiden Sphären halten die wissenschaftliche und politische Arbeit im Feminismus lebendig.
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Karin Schlücker
Positionierung.
Epistemologische Erkundungen zum Verhältnis von Wissenschaft, Praxis und Politik
Um das mögliche Verhältnis der feministischen, Frauen- und Geschlechterforschung zu Frauenbewegung und -politik zu klären, greift die Alternative zwischen Parteilichkeit im Sinne von Maria Mies und einer distanzierten "Eigenlogik" von Wissenschaft zu kurz. Das zeigt sich schon an Positionen der "normal science". So können, ja sollen etwa für Karl Popper ForscherInnen durchaus parteilich und engagiert sein. Notwendig ist deshalb eine genauere Auseinandersetzung mit jenen epistemologischen Positionen, auf die sich die "normal science" stützt. Dann zeigt sich, so meine These, dass das Verhältnis von Wissenschaft und Forschung zu allem, was nicht Wissenschaft ist, in ihren Grundannahmen in Form strikter Trennungen entworfen wird, mit denen ein "Ideal der reinen Wahrheitssuche" als Kern wissenschaftlicher "Eigenlogik" abgesichert wird. Dem setzt Donna Haraways Arbeit über "situiertes Wissen" einen Entwurf entgegen, mit dem sich die Verhältnisse zwischen Wissenschaft und Praxis, politikwissenschaftlicher Frauen- und Geschlechterforschung, Frauenbewegungen und Politik als Beziehungen begreifen lassen, in denen eine kritische und bewegliche Positionierung die "entscheidende wissensbegründende Praktik" wird. Dazu gehört nicht nur die Reflexion der eigenen wissenserzeugenden Praktiken, sondern auch ihrer Wertsetzungen und Ziele: Epistemologie ist, so Haraway, nicht von Politik und Ethik zu trennen.
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Cilja Harders, Heike Kahlert, Delia Schindler
Gratwanderungen zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik:
rauen- und Geschlechterforschung im reflexiven Modernisierungsprozess
Wie kann das Verhältnis von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik, konkreter das Verhältnis von Frauen- und Geschlechterforschung, Frauenbewegung(en) und Frauen- und Gleichstellungspolitik, angemessen erfasst werden? In dem Beitrag wird ein reflexiv- modernisierungstheoretischer Rahmen zur Analyse dieser Problemstellung vorgeschlagen. In Anlehnung an die Theoretiker reflexiver Modernisierung, vor allem Ulrich Beck und Wolfgang Bonß, argumentieren die Autorinnen, dass das Verhältnis von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik im Modernisierungsprozess reflexiv geworden ist und zu einer grundlegenden Infragestellung der genannten Kategorien und ihrer korrespondierenden Institutionen geführt hat. Die daran anschließende zentrale These in kritischer Weiterführung reflexiv-modernisierungstheoretischer Überlegungen lautet, dass Frauen- und Geschlechterforschung, Frauenbewegung(en) und Frauen- und Gleichstellungspolitik am Reflexivwerden der Kategorien und Institutionen mitgewirkt haben bzw. mitwirken und auch nicht von den damit verbundenen teils paradoxen Folgen verschont bleiben. Dieses Phänomen fassen die Autorinnen mit der Figur der Gratwanderungen: Die Haltung derjenigen, die Frauen- und Geschlechterforschung betreiben, kommt demnach Balanceakten zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik gleich. Dies wird am Beispiel von Gender Mainstreaming illustriert.
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Birgit Locher
Wissenschaft, Politik und NROs:
Strategische Allianzen für frauenpolitische Belange am Beispiel neuester EU-Politiken gegen Frauenhandel
Obwohl Frauenhandel kein neues Phänomen in Europa ist, wurde es erst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zum politischen Thema in der Europäischen Union (EU). Der Beitrag argumentiert, dass es in erster Linie die erfolgreiche Kooperation von frauenpolitischen Akteurinnen war, die zu einem Politikwandel geführt hat. Akteurinnen, die sich für die Bekämpfung von Frauenhandel einsetzten, bildeten ein so genanntes "velvet triangle" (Woodward 2000), d.h. ein "samtenes Dreieck", das die drei Hauptakteursgruppen erfasst, die gegen Frauenhandel auf der EU-Ebene aktiv wurden: (1) Femokratinnen und feministische Politikerinnen, (2) Wissenschaftlerinnen und Expertinnen sowie (3) Nicht- Regierungsorganisationen (NROs). Im Zentrum der Analyse steht die erfolgreiche Kooperation dieser drei Akteurstypen, für die enge Beziehungen der Beteiligten, gleiche Ideale sowie häufig ähnliche biographische Erfahrungen typisch sind. Das Beispiel Frauenhandel zeigt, wie frauenpolitische Akteurinnen in ihren unterschiedlichen Positionen - inner- und außerhalb der EU - in der Lage waren, strategische und ideelle Allianzen zu formen und ihr jeweiliges Wissen fruchtbar zusammenzuführen, um _Gender-Themen und Frauenrechte effektiv voranzutreiben und politisch umzusetzen.
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Renate Niekant
Frauen- und Geschlechterforschung als Beruf
Nach meiner Erfahrung mit der Methode sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse hat sich mein Blick auf den Diskurs der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung verändert. Ich knüpfe u.a. an die Rahmenanalyse politischer Diskurse an und betrachte die Figur "politische Solidarität mit Frauen und Frauenbewegungen" als ein Element des Deutungsrahmens der Frauen- und Geschlechterforschung, der sich als "zwischen Wissenschaft und politischer Solidarität" beschreiben lässt. Die Figur "politische Solidarität" weist die Frauen- und Geschlechterforschung" als kritische Theorie aus und erlaubt ihr eine seriöse Sprechposition in der Wissenschaft und als Wissenschaft. Damit hat sie eine bestimmte Funktion für die Definition der Frauen- und Geschlechterforschung. Sie ist eine zentrale Figur im Streit um die Wissenschaftlichkeit der Frauen- und Geschlechterforschung ebenso wie um ihre Kritikfähigkeit. In meinem Beitrag stelle ich meine Herangehensweise kurz vor. Dann präsentiere ich drei Thesen zu "Frauen- und Geschlechterforschung als Beruf": Erstens Daten zur Professionalisierung; zweitens Informationen zur Struktur der Frauen- und Geschlechterforschung als kritische Wissenschaft seit ihren Zeiten als Frauenforschung und drittens Notizen zu Anerkennung und Kultur der Frauen- und Geschlechterforschung. Diese Thesen deuten erste Ergebnisse an, sie sind zum Teil beschreibend, zum Teil kritisch im Sinne einer Kritik an Strukturen. Den Schluss bildet ein Plädoyer für einen selbstkritischen und reflexiven Dialog über eine politische Ethik der Frauen- und Geschlechterforschung.
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Clarissa Rudolph, Uta Schirmer
Kritik und Anerkennung.
Bemerkungen zu einem schwierigen Verhältnis von feministischer Wissenschaft und frauenpolitischer Praxis. Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt
In unserem Beitrag fassen wir unsere Erfahrungen aus einem Forschungsprojekt über kommunale Frauenpolitik zusammen. In der empirischen Arbeit über Frauenpolitik werden die unterschiedlichen Logiken von feministischer Wissenschaft und frauenpolitischer Praxis einerseits und die gegenseitigen Erwartungen in Bezug auf Kritik und Anerkennung andererseits besonders deutlich. Konflikte zwischen Forscherinnen und Frauenbeauftragten beeinflussten den Forschungsprozess ebenso wie gelungene Kooperationserfahrungen. Wenn dabei die jeweiligen Interessen, Rollen und Erwartungen offen gelegt werden, können Interessen und wissenschaftliche Logik in der Anlage des Forschungsprozesses konstruktiv so zusammengeführt werden, dass sie die wissenschaftliche Erkenntnis erweitern und der frauenpolitischen Praxis neue Reflexionsräume öffnen.
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Iris Nowak
Familie und Solidarität
In den Artikel wird exemplarisch herausgearbeitet, in welcher Weise in aktuellen soziologischen Konzepten sowie in politischen Entwürfen der "Politik des Dritten Wegs" (Anthony Giddens) Veränderungen von Familie im Zusammenhang gedacht werden mit einer zunehmenden effizienz- und marktorientierten Regulierung von Gesellschaft. In unterschiedlichen Formen verzichten die verschiedenen Ansätze auf die Diskussion der Frage, in welchen neuen Formen die Verantwortung für die ehemals in Familie aufgehobenen Tätigkeiten der individuellen Reproduktion gesellschaftlich organisiert werden könnte. Der Artikel endet mit der kritischen Frage, ob es von feministischer Seite eine sinnvolle Reaktion hierauf ist, die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" zu fordern. Eine auf diese Zielsetzung konzentrierte Politik verstellt möglicherweise den Blick darauf, wie grundlegend heute vorherrschende Formen von "Familie" und "Beruf" in Frage gestellt werden müssen, um die Entwicklung einer geschlechtergerechten Gesellschaft voranzubringen.
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