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1/2008

Schwerpunkt: Migration und Geschlechterkritik - Feministische Perspektiven auf die Einwanderungsgesellschaft

MONIKA MATTES
Migration und Geschlecht in der Bundesrepublik Deutschland
Ein historischer Rückblick auf die „Gastarbeiterinnen“ der 1960/70er Jahre

Monika Mattes untersucht, inwiefern die Migrationsbewegung der 1960er und frühen 1970er Jahre in die Bundesrepublik durch die geschlechtsspezifische Nachfragestruktur des westdeutschen Arbeitsmarktes gefördert wurde. Dabei beleuchtet sie zum einen die Widersprüche und Konflikte der westdeutschen Anwerbepolitik, die besonders deutlich sichtbar werden, wenn die Angeworbenen beiderlei Geschlechts berücksichtigt werden. Zum anderen verknüpft sie die Arbeitsmigration von Frauen mit der Entwicklung der westdeutschen Geschlechterverhältnisse der 1960er und 1970er Jahre und zeigt auf, wie die Kategorie Geschlecht die mit diesen Prozessen verbundenen Diskurse und Politiken formte.

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BETTINA ROSS
Intersektionale Perspektiven auf Internationale Arbeitsteilung

Bettina Roß sichtet die Kritik postkolonialer und intersektionaler Ansätze an feministischer Theorie vor dem Hintergrund von Migration und Internationaler Arbeitsteilung. In Anlehnung an Cornelia Klingers Aufruf zu einen „Social Re-turn“ feministischer Diskussion skizziert sie ein intersektionales Modell sozialer Ungleichheit. Dieses betrachtet Klasse, Ethnizität und Geschlecht als Strukturelemente von Gesellschaft, die zusammenwirken, ohne ineinander aufzugehen.

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A. SENGANATA MÜNST
Intersektionalität als Perspektive der Migrationsforschung

A. Senganata Münst diskutiert zunächst die gegenwärtige Rezeption des theoretischen Ansatzes der Intersektionalität vor dem Hintergrund der Debatten der zweiten Frauenbewegung und der theoretischen Entwicklungen der Frauen- und Geschlechterforschung. Dadurch wird deutlich, welche bereits für den bundesrepublikanischen Kontext als relevant gewertete Ungleichheitskategorien durch diese Rezeption vernachlässigt werden und welche neue Kategorie, nämlich die der Rasse, eingeführt wird. Hier schließen sich kritische Anmerkungen zur Rezeption von Race und „Rasse“ als Ungleichheitskategorie und die Argumentation für eine Beibehaltung der Ungleichheitskategorien Nationalität und Staatsbürgerschaft an. Im zweiten Teil plädiert Münst  in Anlehnung an die methodologischen Diskussionen in der ethnologischen Migrationsforschung  für eine binationale Perspektive in der soziologischen und politikwissenschaftlichen Migrationsforschung. Nur durch eine binationale Perspektive kann die gerade für Migranten/innen spezifische soziale, kulturelle und ökonomische Positionierung in mindestens zwei Nationalstaaten adäquat erfasst und analysiert werden. Fokussiert auf einige wenige Aspekte wird am empirischen Beispiel der Pendelmigration polnischer Frauen aufgezeigt, wie eine trans-/binationale Perspektive mit dem theoretischen Ansatz der Intersektionalität verbunden werden kann.

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DANIELA MARX
Mission: impossible? Die Suche nach der „idealen Muslimin“
Feministische Islamdiskurse in Deutschland und den Niederlanden

Die zentrale Stellung, die das Thema Geschlecht in neo-orientalistischen Debatten um Islam und Multikulturalismus in verschiedenen west-europäischen Ländern seit einigen Jahren einnimmt, stellt für FeministInnen eine Herausforderung dar: Sie sehen sich durch die vielfache Bezugnahme auf scheinbar feministische Argumentationen in Mainstreammedien und Politik in die Position einer Avantgarde derjenigen Kämpfe versetzt, die nun im Zuge der (Neu-)Bestimmung einer westlich-abendländischen Identität ausgetragen werden. In ihrem Beitrag unterzieht Daniela Marx feministische diskursstrategische Reaktionen auf diese Herausforderungen einer kritischen Betrachtung. Am Beispiel feministischer Islamdiskurse in Deutschland und den Niederlanden zeigt sie, dass sich die aktuellen Auseinandersetzungen als Widerstreit unterschiedlicher feministischer „Rettungsszenarien“ lesen lassen, die sich im Spannungsfeld zwischen multikulturalismuskritischem, (neo-)liberalem „Neuem Realismus“ (Baukje Prins) und antirassistischer, feministischer Aufklärungs- und Okzidentalismuskritik bewegen. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie dabei der Rolle, die der Bezug auf so genannte Erfahrungsexpertinnen wie Ayaan Hirsi Ali und Necla Kelek, aber auch auf emanzipierte, bedeckte Musliminnen für die Begründung und Legitimation der jeweiligen Diskurse in den verschiedenen Szenarien spielt. Dabei orientiert sie sich zum einen an aktuellen feministisch-theoretischen Debatten in Deutschland und den Niederlanden und bezieht zum anderen Ergebnisse einer frame-analytischen Auswertung von Islamdiskursen in feministischen Zeitschriften ein.

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LEILA HADJ-ABDOU
Das muslimische Kopftuch und die Geschlechtergleichheit: eine Frage der Kultur oder der Religion?

Leila Hadj-Abdou beschäftigt sich aus einer vergleichenden Perspektive mit Regulierungen und Debatten um das muslimische Kopftuch in den Einwanderungsländern Österreich und Deutschland. So finden sich in Deutschland und in Österreich zum einen sehr ähnliche Migrationsregime (und Zuwanderungsgruppen), zum anderen sind beide Länder von ähnlichen Staat-Kirche-Verhältnissen gekennzeichnet. Beides Erklärungsfaktoren, die in der Literatur bisher als entscheidend für die Ausgestaltung des staatlichen Umgangs mit dem muslimischen Kopftuch beschrieben werden. Trotz der Ähnlichkeiten findet sich in den Ländern jedoch teilweise eine sehr unterschiedliche Situation im Hinblick auf die Intensität der Debatten und die Regulierung des Kopftuches. Zentrales Anliegen des Artikels ist es, diesen Unterschied über die verschiedenen „framing“-Strategien in den öffentlichen Debatten zum Kopftuch zu erklären. Der Beitrag zeigt, dass welche Bedeutungen dem Kopftuch zugeschrieben werden, entscheidend dafür ist, an welchen Traditionen  Staatsbürgerschaftstraditionen oder das Verhältnis zu Religionen  sich Staaten bei der Austragung von Konflikten um das muslimische Kopftuch orientieren. Schließlich wird im Beitrag die Frage aufgeworfen, welche Chancen Kontroversen um das muslimische Kopftuch für MigrantInnen, aber auch aus einer feministischen Position heraus eröffnen.

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MARKUS GAMPER, JULIA REUTER
Muslimische Frauen-Netzwerke in Deutschland
Selbstorganisation und Interessenartikulation von Migrantinnen

Seit Mitte der 1990er Jahre haben sich in Deutschland eine Reihe von muslimischen Frauenorganisationen gegründet, deren Selbstverständnis auf der Idee eines „weiblichen Islam“ und der Kritik an dem gesellschaftlichen Stereotyp der „unterdrückten Migrantin“ sowie einer Kritik an der androzentrischen Struktur anderer muslimischer Organisationen basiert. Der Beitrag stellt anhand empirischer Befunde eines Forschungsprojektes ausgewählte Netzwerke muslimischer Frauen in Deutschland vor. Neben den Entstehungsbedingungen werden ihre Organisations- und Vernetzungsstrukturen sowie ihre internen Solidaritätsmuster rekonstruiert. Ein besonderer Fokus liegt auf der Positionierung der Organisationen innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Frauen- und Islampolitik, insbesondere auf den Vorstellungen und Aktivitäten der Mitglieder im Hinblick auf eine „frauengerechte Auslegung des Islam“. Denn mit ihrer Forderung, als selbstbewusste Frau und als gläubige Muslimin in der Gesellschaft anerkannt zu werden, stellen sich die Organisationen bewusst wie unbewusst in den Kontext eines „islamischen Feminismus“, der sich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu einer neuen religiösen Bewegung herausbildet.

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MAREI PELZER
Frauenrechte sind Menschenrechte – auch für Flüchtlingsfrauen?
Asyl aufgrund geschlechtsspezifischer Verfolgung

Sind Migrantinnen in Deutschland von Zwangsverheiratung, „Ehrenmorden“ oder Genitalverstümmelung betroffen, ist die öffentliche Empörung groß. Was aber geschieht mit Frauen, die aus denselben Gründen in Deutschland Asyl beantragen? Marei Pelzer untersucht die gegenwärtige Asylpraxis im Bereich der geschlechtsspezifischen Verfolgung nach In-Kraft-Treten des Zuwanderungsgesetzes im Jahre 2005. Mit der Reform wurde explizit der Bereich des Privaten als Sphäre, in der asylrelevante Verfolgung stattfinden kann, anerkannt. Damit ist der jahrzehntelange Ausschluss von Verfolgungsarten, die typischerweise Frauen treffen, zum Teil aufgehoben worden. Von einem universellen Geltungsanspruch der Menschenrechte ausgehend analysiert die Autorin die aktuelle Rechtsprechung zur geschlechtsspezifischen Verfolgung und arbeitet den zum Teil noch immer vorhandenen Kulturrelativismus heraus. Schließlich ordnet die Autorin die Chancen von Frauen auf Asyl in den politischen Kontext der europäischen Grenzabschottung ein, die Asylsuchenden eine Flucht nach Europa nahezu unmöglich macht.

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