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1/2009

Schwerpunkt: Gesundheit als Politikfeld - Ergebnisse der Genderforschung

Gabriele Abels, Ellen Kuhlmann, Julia Lepperhoff,
Geschlechterpolitische Dimensionen von Gesundheit
Einleitung

Die Einführung in den Themenschwerpunkt rückt bisher unterbelichtete politikwissenschaftliche Dimensionen von Gesundheit und Gesundheitsversorgung in das Blickfeld. Ausgehend von der Frauengesundheitsbewegung als politische Impulsgeberin für die Gesundheitswissenschaften werden Ansätze und Befunde zu „Gesundheit und Geschlecht“ skizziert, aktuelle gesundheitspolitische Reformen aus Geschlechterperspektive bewertet und neue Anforderungen an feministische Analysen im Bereich Gesundheit formuliert. Diese Herausforderungen umfassen so unterschiedliche Themen wie die theoretische Perspektive der Intersektionalität oder neue praxisrelevante Fragen der Gen- und Reproduktionstechnologie. Nicht zuletzt ergeben sich veränderte politisch-praktische Bedingungen insbesondere durch die Verpflichtung auf die Strategie Gender Mainstreaming sowie durch die Internationalisierung und Europäisierung von Gesundheitsversorgung und -politik, die es in der feministischen Konzeption von Gesundheit als Politikfeld zu bearbeiten gilt.

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Ellen Annandale
Missing Connections: Medical Sociology and Feminism

The story of how and why medical sociology and feminism came together, how they parted, and how they might be brought back together can be told through changing conceptualizations of the relationship between sex and gender. When medical sociologists use the term ‘gender’ in reference to women’s health it typically connotes potential or actual disadvantage – the same often now applies to the growing body of men’s health research – but the reasons why and how this disadvantage comes about are often murky. All too often research focuses only on a cluster of proximate causes, be they quantitatively or qualitatively defined, and the relationship between gender and health loses its structural moorings. Without these moorings we are left with similarities and differences in women’s and men’s health status and similarities and differences in their experience of health and illness for which we have no real explanation beyond a generalised sense that they are related to women’s and men’s positioning within society. As what has conventionally been thought of as ‘biological sex’ and ‘social gender’ become less fixed and more fluid, the traditional distinctions between male and female experience are breaking down and being reconfigured in new, more complex and highly problematic ways with significant implications for patterns of health and illness and for the qualitative health experience of individuals. To fully understand these changes medical sociology and feminism need to be brought closer together.

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Martina Dören, Boris Heizmann, Dagmar Vinz
Arbeitslosigkeit und Gesundheit – eine intersektionale Analyse

Intersektionalitätsforschung ist ein analytischer Versuch, vielschichtige Wechselwirkungen von gesundheitsbestimmenden Faktoren anwendungsbezogen herauszuarbeiten. Dabei gehen wir davon aus, dass der Erwerbsstatus im Zusammenspiel mit anderen sozialen Gruppenzugehörigkeiten wie Geschlecht oder Ethnie den Gesundheitszustand beeinflusst. Diese These wird anhand einer Analyse der Übergänge von Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit auf der Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) überprüft. Die Perspektive der Intersektionalität betont damit die Überlagerung von verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten, verweist auf ein multiples Subjekt und stellt somit auch heraus, dass Frauen keine homogene Gruppe sind.

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Gabriele Dennert, Gisela Wolf
Gesundheit lesbischer und bisexueller Frauen
Zugangsbarrieren im Versorgungssystem als gesundheitspolitische Herausforderung

Gleicher Zugang zur Gesundheitsversorgung unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung ist ein grundlegender Gedanke in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Dennoch treffen lesbische und bisexuelle Frauen auf Zugangsbarrieren in der Gesundheitsversorgung. Anhand qualitativer und quantitativer Daten aus zwei Untersuchungen der Autorinnen zur Lesbengesundheit werden die unterschiedlichen Dimensionen der Barrieren auf Seiten der VersorgerInnen wie der Nutzerinnen herausgearbeitet. Anschließend werden Ansätze zur qualitativen Verbesserung der Gesundheitsversorgung lesbischer und bisexueller Frauen entwickelt und gesundheitspolitische Forderungen diskutiert.

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Hildegard Theobald
Re-definition informeller, familiärer Versorgung und die Dynamik der Geschlechtverhältnisse
Ansätze und Ergebnisse im internationalen Vergleich

Annahmen zum demografischen Wandel, Entwicklungen im Geschlechterverhältnis und eine Neudefinition der Rolle der NutzerInnen von Pflegeleistungen führten in den meisten westlichen Ländern zu Restrukturierungen der vorhandenen Formen der Versorgung älterer Menschen. Dies betraf nicht nur Formen professioneller Versorgung, sondern auch Fragen der Integration und Unterstützung familiärer, informeller Pflege durch Geldleistungen. In diesem Beitrag werden unterschiedliche Formen von Geldleistungen zur Integration familiärer, informeller Pflege und ihre "gendered" Konsequenzen vor dem Hintergrund der länderspezifischen Ansätze zur Versorgung älterer Menschen diskutiert. Theoretisch greift der Beitrag Konzepte aus dem Bereich der internationalen Forschung zu "social care" auf, die insbesondere die Übergänge zwischen formeller und informeller Pflege mit Blick auf Geschlechterverhältnisse thematisieren sowie das Zusammenspiel von Geschlechterungleichheit mit weiteren Formen sozialer Ungleichheit – nach sozialer Schicht und MigrantInnenstatus. Die empirische Basis liefern Statistiken und Ergebnisse nationaler und internationaler Untersuchungen. Die Forschungsergebnisse weisen auf zwei grundlegend verschiedene Herangehensweisen hin. In Ländern, in denen die Unterstützung älterer pflegebedürftiger Menschen überwiegend auf der Basis professioneller Dienstleistungen vorgenommen wird, orientieren sich die Ansätze zur Integration familiärer, informeller Pflege an einer Dienstleistungsperspektive. Im Gegensatz dazu betonen die an einer familiären Pflege orientierten Ländern familiäre Werte bei der Einführung von Geldleistungen. Diese unterschiedlichen Strategien bestimmen das Ausmaß der Kontrolle, das Niveau der Vergütung von informeller, familiärer Pflege sowie deren Bedeutung für die Entwicklung formeller, professioneller Pflege. Die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse und deren Zusammenspiel mit weiteren Formen sozialer Ungleichheit in dem Bereich der Pflege wird demzufolge durch ein komplexes Muster politischer Regulierungen beeinflusst.

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Bettina Bock v. Wülfingen
Extrakorporale Reproduktion als Emanzipation
Feminismus im biomedizinischen Populärdiskurs

Künstliche Befruchtung, Eizellspende und genetische Diagnostik am Embryo stellen zunehmend eine Herausforderung für feministische Positionierung dar: Das Embryonenschutzgesetz verbietet die Eizellspende ebenso wie Manipulationen oder das sog. Verwerfen eines Embryos ab dem Stadium der Befruchtung. Für diese Rechtslage ist in der BRD in den 1980er Jahren viel gestritten worden, mitunter mit feministischen Argumenten, die durch den linken Flügel der SPD und Grünen, z.T. auch durch Frauen der CDU in den Bundestag eingebracht wurden. Solche feministischen Diskurse zeigten wie in kaum einem anderen Land eine Tradition von einhellig kritischer Position gegenüber künstlichen Reproduktionsverfahren. Um die Wende zum 21. Jahrhundert allerdings zeichnete sich eine Veränderung ab, die mit den immer erneuten Versuchen, das Stammzell- und Embryonenschutzgesetz durch weniger restriktive Regelungen zu ersetzen, bald wieder Relevanz erlangen könnte. Mit der erstmals einsetzenden Umwerbung der deutschen Öffentlichkeit für einen Biotechnologiestandort Deutschland zeigte sich zu jener Zeit, dass bestimmte feministische Positionen als relevant erkannt wurden, und dass umgekehrt die scheinbare feministische Einmütigkeit in der Ablehnung reproduktiver Technologien sich in Frage stellte. In dem Beitrag wird gezeigt, wie und genau welche feministischen Diskurse in dem Versuch der öffentlichen Normalisierung, der die Debatte zu einem möglichen neuen Reproduktionsmedizingesetz umgab, in sog. Qualitätsprintmedien von Experten biologischer oder reproduktionsmedizinischer Disziplinen verwendet wurden.

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Merve Winter
Geschlecht und Organspende
Gesundheitspolitische Konsequenzen der Gender Imbalance

Sowohl in der Lebendorganspende als auch in der Postmortalspende findet sich ein Geschlechterunterschied. Die sogenannte Gender-Imbalance wird in jüngerer Zeit für den Bereich der Lebendorganspende intensiv diskutiert. Und das hat auch einen Grund: In Deutschland sind Frauen innerhalb der Lebendspende zu zwei Dritteln die SpenderInnen von Organen, während sie Organe nur zu einem Drittel empfangen. In der Postmortalspende ist die Geschlechterdifferenz zwar weniger stark ausgeprägt, aber bei näherer Untersuchung auch vorhanden. In dem vorliegenden Beitrag erläutert Merve Winter zunächst das Phänomen der Gender Imbalance für die Lebend- und die Postmortalspende. Anschließend stellt sie die Ergebnisse einer eigenen Repräsentatativerhebung vor, die systematisch nach Geschlecht aufgeschlüsselt wurden. Die Ergebnisse zeigen eine offensichtlich stärker ausgeprägte altruistische Grundhaltung bei den Frauen gegenüber den Männern. Vor dem Hintergrund des ständig steigenden Organbedarfs kann also davon ausgegangen werden, dass es primär die Frauen sein werden, die den akuten Mangel im Bereich der Postmortalspende zumindest teilweise über die Lebendorganspende ausgleichen werden. Abschließend werden Strategien gegen den Organmangel vor dem Hintergrund eines geschlechtersensiblen Blickes diskutiert.

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