2/2002
Schwerpunkt: Geschlechterdemokratie – ein neues feministisches Leitbild?
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Encarnación Gutiérrez Rodríguez
Jenseits einer binären Anerkennungslogik
Eine radikaldemokratische Antwort auf die Geschlechterdemokratie im "Empire"
Der moderne Nationalstaat befindet sich in der Krise (Habermas 1999). Angesichts dieses Zustandes müssen wir heute über postnationale Demokratiemodelle nachdenken. Wie können vor diesem Hintergrund heute Forderung nach BürgerInnenrechte für Flüchtlinge und MigrantInnen formuliert werden? Gehört das Pochen auf BürgerInnenrechte im Rahmen des Nationalstaates einer vergangenen Epoche an oder ist diese Forderung heute notwendiger den je? Die antirassistische MigrantInnenszene in Österreich antwortet auf diese Fragen mit der Forderung nach gleichen Rechte für alle (Bratic 2002). Mit diesen Fragen beschäftigt sich dieser Beitrag. Anhand der Gegenüberstellung des Habermasschen "postnationalen" Konzepts des Weltbürgers und Hardts/Negris Einschätzung des "Empires" diskutiert die Autorin die Notwendigkeit des Bezuges auf einen nationalstaatlichen Souverän. Der Versuch wird gestartet in Anschluss an die postkoloniale Kritik Gayatri Spivaks einen dritten Weg zu gehen, der die Interdependenzen zwischen imperialen und transnationalen Genealogien und Beziehungen anerkennt. Von hier ausgehend werden Überlegungen zu der Vision einer "radikalen" Demokratie im Lichte einer antirassistische Perspektive gestellt.
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Juliette Wedl, Jutta Bieringer
Geschlechterdemokratie - Begriffsgeschichte und Problemfelder.
Eine Einleitung
Der Artikel zeigt die Geschichte und Verwendungsweise des Begriffs Geschlechterdemokratie auf und geht dabei drei verschiedenen Strängen nach, in denen der Begriff eine je spezifische Verwendung findet: Entstanden in der Anti-Gewalt-Debatte zielt er auf einen Perspektivwechsel mit dem Ziel, Männer in ihren verschiedenen Positionen (als Täter, Akteur, Vertreter staatlicher Institutionen etc.) stärker in die Verantwortung zu nehmen. In der Institutionen- und Organisationsdebatte wurde Geschlechterdemokratie vor allem als Alternative zur herkömmlichen Frauen- und Gleichstellungspolitik diskutiert. Als feministische Utopie erhält der Begriff v.a. eine Platzhalterfunktion für eine Vielzahl an feministischen Visionen. Anschließend werden offene Fragen aufgezeigt, die verschiedene Debatten bezüglich des Verhältnisses von Geschlechterdemokratie zu Feminismus und Demokratie durchziehen. Dabei wird auf das Verständnis von Demokratie, das von Abgrenzungen wie Annäherungen gekennzeichnete Verhältnis zu Feminismus sowie Fragen der kritischen Männerforschung eingegangen. Abschließend werden die Artikel des Schwerpunktes vorgestellt.
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Gabriele Schambach, Barbara Unmüßig
Geschlechterdemokratie - Das Konzept der Heinrich-Böll-Stiftung
Gabriele Schambach und Barbara Unmüßig stellen das Konzept am Beispiel der grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung dar. Geschlechterdemokratie wird hierbei einerseits als gesellschaftlich visionäres Ziel andererseits als handlungsleitendes Organisationsprinzip verstanden. In ihrem Beitrag zeichnen die beiden Autorinnen, die selbst in der hbs für die Realisierung des Konzeptes zuständig sind, den Entstehungskontext sowie interne Diskussionen um die Einführung der Geschlechterdemokratie auf Stiftungsebene nach. Dabei gehen sie auch anhand konkreter Beispiele auf die praktische Umsetzung des Konzeptes ein und setzen die Geschlechterdemokratie in Beziehung zum Instrument des Gender Mainstreaming.
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Ein Streitgespräch mit Halina Bendkowski, Sabine Hark und Claudia Neusüß
Geschlechterdemokratie: Feministischer Aufbruch oder institutionelle Anpassung?
In einem Streitgespräch diskutieren Halina Bendkowski, Sabine Hark und Claudia Neusüß über Möglichkeiten und Grenzen einer feministischen Perspektive der Geschlechterdemokratie. Anhand von Fragen, die u.a. auf das Neue des Konzeptes der Geschlechterdemokratie, sein Verhältnis zu Feminismus und zu Demokratie sowie auf die Problematiken, die eine Einführung in Institutionen mit sich bringen, wird das Konzept erörtert und diskutiert. Bendkowski und Neusüß betonen zwei unterschiedliche Aspekte bezüglich des Begriffs Geschlechterdemokratie. Für Neusüß beruht die Neuartigkeit des Konzeptes in seiner Verortung in Demokratie und (institutionellem), aktivem Handeln beider Geschlechter. Demgegenüber verweist Bendkowski auf die ursprünglich feministische Verortung des Konzeptes - auch wenn damit eine innerfeministische Kritik und Debatte verbunden war - und kritisiert die fehlende feministische Perspektive in der Verwendung des Begriffs heute. Hark wiederum problematisiert den Mangel an feministischer Analyse. Sie warnt jedoch gleichzeitig davor, die Geschlechterdemokratie gegen den Feminismus auszuspielen, eine Position, die alle drei Diskutantinnen vertreten.
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Ingrid Kurz-Scherf
Geschlechterdemokratie und Feminismus
Zur Notwendigkeit einer herrschaftskritischen Reformulierung eines Leitbegriffs
Ingrid Kurz-Scherf greift die Frage nach dem Verhältnis von Feminismus und Geschlechterdemokratie auf. Den entscheidenden inhaltlichen Unterschied sieht die Autorin in der Anerkennung der Demokratie als Staatsform, während der Feminismus Kritik am Status quo des politischen Systems und der politischen Kultur der modernen Gesellschaften übt. Sie plädiert für eine feministische Herrschaftskritik, die dem komplexen Zusammenhang zwischen der strukturellen und der subjektiven Dimension von Macht, Herrschaft und Gewalt nachgeht. Will Geschlechterdemokratie ein in diesem Sinne feministisch kritisches Konzept sein, müsse nicht nur "Geschlecht" als Strukturkategorie sondern auch "Demokratie" in strikte Opposition zu "Herrschaft" gesetzt, und nicht als eine Form derselben verstanden werden.
Auf diese Ausführungen aufbauend verbindet die Autorin das Konzept Geschlechterdemokratie mit ihrem herrschaftskritischen feministischen Ansatz. Dabei werden Anerkennung und Autonomie als zwei wesentliche Merkmale herausgearbeitet, die das Konzept der Geschlechterdemokratie herrschaftskritisch verwendet.
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Christa Karras
Sollte die Gender-Strategie doch erfolgreich sein?
Geschlechterdemokratie in der politischen Arbeit der Partei Bündnis 90/Die Grünen
Wie das Konzept der Geschlechterdemokratie Einzug in die Politik von Bündnis 90/Die Grünen gehalten hat, ist Thema des Beitrags von Christa Karras. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die innerparteiliche Diskussion um Geschlechterdemokratie als Paradigmenwechsel der herkömmlichen Frauenpolitik und Programmatik ein sondern bettet die Debatte in den historischen Kontext des bundesdeutschen Vereinigungsprozesses und neuerer gesellschaftlicher Ansprüche durch eine nachwachsende Generation junger Frauen und Männer. Dabei wird insbesondere das neue Grundsatzprogramm hinsichtlich seiner Positionen zur Geschlechterpolitik betrachtet.
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Sheila Meintjes
Democracy and Gender: Reflections from the South
Einen Einblick zum Verhältnis von Geschlecht und Demokratie in dem noch relativ jungen demokratischen System Südafrikas bietet Sheila Meintjes. Wie bereits zuvor Gutiérrez Rodríguez weist auch Meintjes darauf hin, dass die Einengung des Konzepts auf die Geschlechterordnung Strukturkategorien wie Ethnizität, Rasse und Klasse negiert. Am Beispiel Südafrikas macht sie deutlich, dass Herrschaft während der Apartheid und des Transitionsprozesses unterschiedliche Ausdrucksformen und Auswirkungen auf weiße und schwarze Frauen hatte. Vor dem Hintergrund ökonomischer Ausgrenzung als Folge der Apartheid argumentiert Meintjes für die Notwendigkeit, die Dimensionen sozialer Ungerechtigkeit von Frauen und Männern immer auch als Defizit der Demokratie zu benennen.
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