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2/2006

Schwerpunkt: Geschlecht in der politischen Kommunikation

Gabriele Abels, Jutta Bieringer
Geschlecht in der politischen Kommunikation: Einleitung

Politische Kommunikation ist ein konstitutives Element politischer Systeme. In modernen Gesellschaften ist sie primär von Massenmedien geprägt, wobei sich mit neuen Medien, v.a. mit dem Internet, neue Möglichkeiten ergeben und Herausforderungen stellen. Doch was bedeutet Mediendemokratie aus Geschlechterperspektive? Inwiefern sind Geschlechterverhältnisse in politische Kommunikationskulturen „eingelassen“? Diesen Fragen wird in der politischen Kommunikationsforschung gerade im deutschsprachigen Raum bislang kaum nachgegangen – und zwar weder im Mainstream noch in der feministischen Forschung. Der Beitrag zeichnet einige Linien politischer Kommunikationsforschung nach und diskutiert deren Relevanz aus Geschlechterperspektive. Für die Kommunikationswissenschaften zeigt sich, dass der politische Journalismus zwar von starken universalen Normen getragen wird, aber die Berichterstattung über z.B. Politikerinnen hochgradig geschlechtlich geprägt ist. Dies wird nicht zuletzt in der Berichterstattung über Wahlkämpfe deutlich, die als Paradigma politischer Kommunikation gelten. Für die Politikwissenschaften sind Demokratie und Öffentlichkeit zentrale Fixpunkte politischer Kommunikationsforschung, woraus sich wichtige Anknüpfungspunkte für feministische Fragestellungen ergeben. Der Beitrag plädiert für eine systematische geschlechtersensible Erschließung des weiten Feldes politischer Kommunikationsforschung, deren theoretischer Ansatzpunkt feministische Öffentlichkeits- und Demokratietheorien sind. Um dem hochgradig medial vermittelten Charakter politischer Kommunikation gerecht zu werden, braucht es jedoch auch einer Verknüpfung mit feministischer Kommunikationswissenschaft.

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Barbara Holland-Cunz
Sprechen und Schweigen in der Demokratie: Ideale politischer Kommunikation und mediatisierte „Massendemokratien“

Die wichtigen Ebenen der mediatisierten Kommunikation und der Übersetzung der Ergebnisse in die konventionellen Arenen des Politischen sind Elemente, die im utopischen und theoretischen Feminismus bislang noch zu wenig durchdacht werden. Im Gegensatz zu dem in den vergangenen viereinhalb Jahrzehnten deutlich gewachsenen Verständnis aktiver BürgerInnenschaft (Bedeutung der Zivilgesellschaft, Zunahme der unkonventionellen Partizipation) scheint das kollektive Verständnis demokratischer Kommunikationsformen abgenommen zu haben. Das Zusammenführen von feministischer Demokratietheorie und Kommunikationsforschung könnte ein Weg hin zu ersten Fragmenten einer feministischen Theorie politischer Kommunikation sein. Ausgehend von Hannah Arendts Betrachtung der politischen Öffentlichkeit als Raum demokratischer Macht und Freiheit zeichnet der Artikel ein Bild heutiger Massendemokratien. Dabei ist festzustellen, dass die öffentliche Kommunikation in liberalen Repräsentativdemokratien eher einer von Medien dominierten, passiven Publikums-Demokratie im Habermasschen Sinne entspricht, einer Demokratie in der die einen sprechen und die anderen zum Schweigen verurteilt sind. Also das Gegenteil dessen was Barbers „starke Demokratie“ ausmacht, in der spezifische institutionelle Verfahren – wie etwa Volksabstimmungen, interkommunikative Kommunikationsformen – dafür sorgen, dass die partizipatorischen Chancen aller BürgerInnen realisiert werden können. Das anspruchsvolle Bild aktueller demokratischer Öffentlichkeit(en), das Fraser und Benhabib konturieren – Pluralisierung, Heterogenisierung, „Prozeduralisierung„ und Diskursivierung des öffentlichen Raums, seine Unabgeschlossenheit und potenzielle Gefährlichkeit, umkämpfte Grenzziehungen und Grenzkontrollen könnten den Ausgangspunkt einer neu zu skizzierenden feministischen Öffentlichkeits- und Demokratietheorie bilden: einer feministischen Theorie politischer Kommunikation in mediatisierten „Massendemokratien“.

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Margreth Lünenborg
Zwischen Boulevard und Polit-Talk: Doing Gender im politischen Journalismus

In Deutschland lieferte die so genannte Küchenhoff-Studie 1975 erste empirische Ergebnisse zur Unterrepräsentanz von Frauen in den Medien, vor allem in den Nachrichten. Heute moderieren Frauen politische Talk-Shows, produzieren Nachrichten und schreiben Leitartikel. Der „Gang durch die Institutionen“ hat auch bei den Medienschaffenden zu einer größeren Teilhabe von Frauen an der Profession geführt. Dennoch hatte die rein quantitative Erhöhung des Frauenanteils in den Medien keineswegs eine andere oder gar geschlechtersensiblere politische Kommunikation zur Folge. Die Exklusivität politischer Öffentlichkeit und die männlichen Paradigmen politischer Kommunikation setzen sich trotz einer „Verweiblichung“ der Medien weiter fort. Die geschlechtersegregierte Berichterstattung über Frauen bleibt auch dort, wo Frauen für die Herstellung der Bilder und der Sprache verantwortlich sind weiter bestehen. Vorliegender Beitrag verfolgt die These, dass bereits der normativen Fundierung von Journalismus als Instanz zur Herstellung politischer Öffentlichkeit eine dualisierende Geschlechterstruktur zugrunde liegt. Für die Medienforschung als auch den Journalismus selbst erwächst daraus die Anforderung zu klären, in welchem Maße durch dualistische Zuschreibungen eine spezifische Geschlechterordnung erst geschaffen wird. Dabei werden die Elemente der personalen Dimension des Gendering im Journalismus sowie die inhaltliche Dimension des Gendering erörtert und der Frage nachgegangen, in welcher Weise Journalismus Geschlecht zum Thema macht, Bilder von Männern und Frauen entwirft und in welcher Weise er selbst symbolische Geschlechterstrukturen entwirft, herstellt oder modifiziert.

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Karen Ross
Tricky Relations: Exploring the Intersections of Gender, Politics and News

Politikerinnen und Medien sind auch im internationalen Vergleich eine „tricky relation“. Mit Bezug auf Interviews mit Parlamentarierinnen aus Großbritannien, Nordirland, Australien und Südafrika belegt der vorliegende Beitrag ein gendering in der medialen Berichterstattung über Frauen in der Politik. Die von der Autorin befragten Parlamentarierinnen beklagen die Personalisierung und Intimisierung politischer Berichterstattung. Dabei unterscheiden die Akteurinnen nicht zwischen Printmedien und Hörfunk/Fernsehen. Die Frisur, die Kleidung etc., das heißt das bloße Erscheinungsbild der Politikerinnen stehen im Vergleich zu ihren politischen Aussagen im Vordergrund. Das Privatleben, ja gar Charaktereigenschaften der jeweiligen Akteurinnen werden – anders als bei ihren männlichen Counterparts – zum Maßstab politischer Kompetenzen. Medien sind somit aktiv, unter Nutzung unterschiedlicher Strategien, an der Konstruktion geschlechtsspezifischer Stereotypen in der öffentlich-politischen Sphäre beteiligt. Hierzu gehört auch die Marginalisierung von Frauenthemen und weiblichen Perspektiven. Ross erklärt dies nicht mit individuellem (Fehl-)Verhalten von JournalistInnen, sondern identifiziert hierfür strukturelle Gründe. Dabei werden vor allem auch Medien als ökonomische Akteure gesehen, die ihre Berichterstattung durchaus an der daraus zu erzielenden Gewinnmaximierung abhängig machen.

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Ina E. Bieber
Plötzlich ganz wichtig – Frauen im Mittelpunkt wahlkampfstrategischer Überlegungen

Die Bundestagswahlen 1998, 2002 und 2005 haben es gezeigt: Frauen sind „plötzlich ganz wichtig“. Sie waren es, die mit ihrem anderen Abstimmungsverhalten den Ausgang dieser Wahlen maßgeblich mitbestimmt haben. Hätten beispielsweise nur Männer 2002 abgestimmt, so wären CDU, CSU und FDP an die Regierungsmacht gekommen. Auch die Parteien und ihre StrategInnen entdecken die „Zielgruppe Frauen“. Doch es ist fraglich, ob Frauen tatsächlich eine geeignete Zielgruppe für Wahlkämpfe sind, die spezifisch umworben und in die kurz- und langfristige Planung von Wahlkämpfen implementiert werden können. Vorliegender Artikel geht dieser Frage nach. Nach einer allgemeinen Positionierung der Variablen Geschlecht, wird der Ansatz des Politischen Marketings, der die Untersuchung dieser Fragestellung ermöglicht, dargestellt. Auf dieser theoretischen Grundlage erfolgt die empirische Analyse. Dazu wird der weibliche Wählermarkt segmentiert, analysiert und mit dem männlichen Wählermarkt verglichen. Möglichkeiten des zielgruppenspezifischen Wahlkampfes werden aus diesen Erkenntnissen theoretisch abgeleitet und anhand von Beispielen aus der Praxis illustriert. Eine abschließende Diskussion reflektiert die Untersuchungsergebnisse und zeigt Perspektiven für die zukünftige Forschung auf.

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Cilja Harders, Franka Hesse
Geschlechterverhältnisse in der Blogosphäre:
Die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die Verwirklichung von Teilhabechancen durch neue Medien

Weblogs oder Blogs sind ein neuer Ausdruck einer sich bereits seit längerem durch die digitale und informationelle Revolution verändernden öffentlichen Sphäre. Als neue Kommunikationsform im World Wide Web sind Weblogs etwa seit 1999 zu beobachten und haben als einfache Möglichkeit der Publikation im Internet, befördert durch die Angebote von Weblog-Portalen, eine rasante Ausbreitung erfahren. Unter den Autor/-innen von Weblogs findet sich ein für den Bereich der computergestützten Kommunikation hoher Frauenanteil. Während die Mehrzahl der Internet-Nutzer weltweit männlich ist und Frauen zudem Möglichkeiten der computerbasierten Kommunikation und Publikation seltener als Männer nutzen, bloggen in den USA mehr Frauen als Männer. Hier entstehen Teilhabechancen für Frauen durch die sich im Netz konstituierenden neuen Öffentlichkeiten. Allerdings sind, so die These, Frauen bei der Konstruktion dieser Öffentlichkeiten nicht entsprechend vertreten, worauf die Listen der häufig besuchten und verlinkten Weblogs (A-Blogs) hinweisen. Geschlecht wird sowohl in der Forschung als auch in der „Blogosphäre“ selbst im Zusammenhang mit privaten Blogs thematisiert, die für die Verwirklichung von Partizipationschancen als uninteressant gelten. Die Zuschreibung von Relevanz entlang der Grenze zwischen „Öffentlich“ und „Privat“ muss jedoch kritisch hinsichtlich der zugrunde liegenden Ausschlussmechanismen analysiert werden. Neue Technologien werden vergeschlechtlicht angeeignet, was die Aufrechterhaltung hierarchischer Zuordnungen entlang der Trennung von Öffentlich/Privat und Mann/Frau ermöglicht. Obwohl das neue Format diese Grenzen auflöst, werden sie ihm durch Nutzungspraxen und Aufmerksamkeitsökonomien wiederum eingeschrieben. Im Rahmen des Projekts Gender Blogging wird an der Ruhr-Universität Bochum zur Zeit genauer untersucht, wie sich die Geschlechterverhältnisse in der Blogossphäre qualitativ und quantitativ darstellen (Harders, Hesse 2005). Im folgenden wird vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Forschung zu Geschlecht, Öffentlichkeit und neuen Medien das Potenzial des neuen Formats für die Beteiligung von Frauen diskutiert und erste Ergebnisse vorgestellt, die zeigen, dass Weblogs als Format geschlechtlicht konstruiert sind, aber neue Möglichkeiten der politischen Kommunikation eröffnen, die auch in gleichstellungspolitischer Hinsicht interessant sind.

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Gabriele Winker, Tanja Carstensen
Der Internet-Hype ist vorbei – was ist geblieben?
Auf der Suche nach feministischen Gegenöffentlichkeiten

Nachdem sich mit der zügigen Verbreitung des Internets in der BRD weder, wie erhofft, die politische Kommunikation über feministische Anliegen deutlich verbreitert hat, noch die befürchtete weitere Ausgrenzung von Frauen aus demokratischen Prozessen eingetreten ist, wird in diesem Aufsatz untersucht, wie – weit weniger spektakulär – zahlreiche frauenpolitische Netze das Medium Internet in ihre politische Arbeit integrieren. Es wird analysiert, wie unterschiedliche Frauenorganisationen mit ihren Webauftritten versuchen, feministische Gegenöffentlichkeiten auszubauen und kritisch auf hegemoniale Öffentlichkeiten Einfluss zu nehmen. Derzeit lassen sich vier inhaltlich verschiedene Ausrichtungen frauenpolitischer Aktivitäten im Internet abgrenzen. Die Mehrheit der im Internet vertretenen Netzwerke stellen beruflich orientierte Interessengruppen, die einen liberalfeministisch ausgerichteten Gleichstellungsansatz verfolgen und das Internet primär als ein neues Verteilmedium von Informationen und zur Selbstdarstellung nutzen. Eine weitere kleinere Gruppe von Frauennetze sind in der Beratung aktive Organisationen, die über das Netz auf ihre konkrete Unterstützungsarbeit für Frauen in besonderen Notlagen vor Ort hinweisen. Darüber hinaus gibt es einige dezidiert feministische Netzwerke, die sich über den Gleichstellungsansatz hinaus für die Abschaffung von sozial und geschlechtlich diskriminierenden Herrschaftsstrukturen einsetzen. Schließlich versuchen Cyberfeministinnen mit künstlerischen und politischen Interventionen im Internet Stereotype von Geschlecht aufzugreifen und über Ironie, Überspitzung und Verfremdung Bedeutungsverschiebungen zu erreichen. Anhand dieser unterschiedlichen Beispiele wird diskutiert, welchen Stellenwert das Internet in feministischen Gegenöffentlichkeiten derzeit einnimmt. Abschließend wird mit dem Konzept der virtuellen Nachbarschaft auf einen Gestaltungsansatz eingegangen, bei dem deutlich wird, dass sich feministische Politik heutzutage nicht einfach der Internettechnologie bedienen kann, sondern auch die Technik zusammen mit politischen Kampagnen und Zusammenschlüssen weiterentwickelt werden muss.

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Sylka Scholz
Von „Rüpeln“ und „Testosteronbomben“ und einem „Engel … der über Leichen geht“
Mediale Geschlechterkonstruktionen im Wahlkampf 2005

Im Bundeswahlkampf 2002 spielte die Tatsache, dass es sich bei den Kandidaten Schröder und Stoiber um Männer handelte keine Rolle. Zu selbstverständlich war es bisher, dass ein Spitzenpolitiker, insbesondere ein Kanzler, männlichen Geschlechts ist. Ganz anders sah dies im Bundestagswahlkampf 2005 aus. Durch die Kandidatur einer Frau gewann das Geschlechterthema einen zentralen Stellenwert. Anhand einer Analyse von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln wurde untersucht, wann, welche Geschlechterkonstruktionen im medialen Diskurs verwendet wurden. Dabei zeigte sich, dass die Geschlechterkonstruktion der Herausforderin Angela Merkel in sich höchst widersprüchlich war: ein Engel der über Leichen geht; ihre Kandidatur demnach vor allem irritierte. Während Merkel sowohl weibliche als auch männliche Eigenschaften zugeschrieben wurden, galt die Männlichkeit des Kanzlers als unzweifelhaft. Man kann sogar von einer Hypostasierung von Männlichkeit in diesem Wahlkampf sprechen. Zugleich gerieten durch die Kandidatur einer Frau die spezifischen homosozialen Rekrutierungspraktiken und die internen „männlichen Spiele“ um die Macht verstärkt in das Licht der Öffentlichkeit. In die Kritik kamen dominanzorientierte Männlichkeitskonstruktionen, wie die anhaltende Mediendebatte um Schröders Machtanspruch nach der verlorenen Wahl und die Infragestellung der Richtlinienkompetenz der nominierten Kanzlerin durch Stoiber und Müntefering zeigten.

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