2/2004
Schwerpunkt: Geschlechterperspektiven in der Entwicklungspolitik
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Essentialisierung durch Gender Mainstreaming?
Dialog mit Annemarie Sancar über die geschlechterpolitischen Folgen eines Politikinstrumentes am Beispiel des Wassersektors
Frauenpolitische Instrumente wie Gender Mainstreaming werden in Interventionen zur Armutsbekämpfung integriert, um die Geschlechterungleichheiten als wichtige Ursache der Armut zu verringern, um Hierarchien in den Organisationen zu thematisieren und um das Geschlechterbewusstsein bei den AkteurInnen in der Entwicklungszusammenarbeit zu verstärken. Der Artikel diskutiert die Frage, welche Rolle das Instrument Gender Mainstreaming spielt, ob es sich auch ins Gegenteil verkehren kann und unter welchen Bedingungen dies geschieht. Wann führen durch Gender Mainstreaming tools gelenkte Interventionen zu geschlechterrelevanten Schließungen? Wann kann mehr Differenzierung und Öffnung sowohl im institutionellen als auch im sozialen Anwendungsprozess zugelassen werden? Am Beispiel des Wassersektors und der Kontrolle über seine Verteilung und Rechte wird gezeigt, wie Brüche entstehen, wenn Geschlechterrollen in Bewegung geraten. GM-Tools können Wirkung entfalten, indem sie die möglichen Bewegungsräume systematisch reflektieren. Auch die entgegengesetzte Dynamik ist denkbar, wobei stereotype Bilder verfestigt und Ausschlussmechanismen damit mehr Gültigkeit verschafft werden. Gender Mainstreaming tools können nützlich sein, um Empowermentstrategien zu entwerfen. Es gelingt, sie nicht nur zur bloßen Kategorisierung zu nutzen, sondern Prozesse und Verflechtungen auszuleuchten, in denen Ungleichheiten entstehen, um den Diskriminierungsmechanismen auf die Spur zu kommen.
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Anke Täubert
Der Empowerment-Ansatzes von Naila Kabeer
Eine Analyse der Lebenssituation der Teepflückerinnen Sri Lankas
Die Teepflückerinnen Sri Lankas werden auf drei Ebenen unterdrückt: Als ethnische Minderheit; als billige Arbeitskräfte und durch die patriarchale Struktur des Geschlechterverhältnisses ihrer eigenen community sowie der sri lankanischen Gesellschaft als Ganzem. Um die Herrschaftsverhältnisse zu analysieren, denen diese Gruppe von Frauen unterliegt, müssen die politischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Dimensionen identifiziert werden, die den Status der Teepflückerinnen in ihren multiplen Rollen festlegen. Gleichzeitig ist es notwendig, die verschiedenen Komponenten der Legitimierung, Durchsetzung und Aufrechterhaltung der Herrschaftsverhältnisse, sowie die daran beteiligten AkteurInnen zu verstehen. Diese Herangehensweise bedarf eines komplexen Analyseinstruments, welches die vielfältigen Ursachen und Bedingungen der Unterdrückung mit einbezieht und deren Wechselwirkungen aufzeigt, ohne dabei zu vereinfachen: Der Empowerment-Ansatz nach Naila Kabeer ist in der Lage, den maßgeblichen Einfluss von Regeln, Normen und Werten innerhalb der community der indischen TamilInnen hervorzuheben. Sie prägen, festigen und reproduzieren das Geschlechterverhältnis und bilden somit einen entscheidenden Teil der Rahmenbedingungen, die zum Zustand des disempowerments der Teepflückerinnen führen. Das empowerment-Konzept stellte sich somit als ein Instrument dar, die Komplexität der Verhältnisse ohne erhebliche Vereinfachungen aufzuschlüsseln und die unterschiedlichen Momente zu identifizieren, die letztendlich zum disempowerment der Teepflückerinnen in den verschiedenen Bereichen führen.
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Jutta Kühl
Armutsverwaltung für den Staat statt politische Partizipation?
Die feministischen NGOs Argentiniens in Zeiten neoliberaler Regierung
Feministische Non Governmental Organisations (NGOs) nehmen in Argentinien – nicht ohne Erfolg – Einfluss auf gesellschaftliche und damit auch auf staatliche Prozesse, dennoch haben diese NGOs einen Doppelcharakter: Einerseits stellen sie eine wichtige Größe für feministische Gesellschaftstheorie und -kritik dar. Andererseits werden sie seit den neoliberalen Reformen 1989 in Argentinien verstärkt in die Ziele der demokratischen Herrschaft integriert, indem ihnen ehemals staatliche Aufgaben in sozialen Bereichen übertragen werden. Die politischen Agenden der NGOs verschwinden dabei zusehends. Die neoliberale Regierung versucht, die politische Partizipation zivilgesellschaftlicher Akteure in soziales Engagement zu transformieren. Gesellschaftliche Missstände werden in dieser Logik nicht als strukturelle Probleme wahrgenommen, für die es politische Lösungen geben müsste. Stattdessen werden Lösungen ausschließlich auf individuell-subjektiver Ebene gesucht. Dies wird am Beispiel der neoliberalen Staatsreformen in Argentinien, wie sie im Stil der Chicagoer Schule in den 1990er Jahren durchgeführt wurden, sowie anhand der damit einhergehenden staatlichen Integration von feministischen NGOs illustriert. Die Grundlagen dafür sind dabei Foucaults Ausführungen über die Gouvernementalität liberaler Staaten und deren Anwendung für die Analyse neoliberaler Politik. Das emanzipatorische Potential feministischer NGOs kann nur darin bestehen, eine politische (soziale) Bewegung in Gang zu setzen, deren Ziel eine konsequente Kritik der bestehenden Herrschafts- und Machtverhältnisse ist.
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Andrea Franz
Zivilgesellschaft und Entwicklungspolitik in Uganda
Wie konfliktfähig sind Frauenorganisationen?
Was sind die Voraussetzungen für eine politisch durchsetzungsfähige Frauenbewegegung? Die formal-politische Arena in Uganda verfügt zwar mittlerweile über einen relativ hohen Frauenanteil, tatsächlich wurden die patriarchalen Strukturen damit aber kaum in Frage gestellt. Im Unterschied zu den Frauen in der formal-politischen Arena artikulieren zivilgesellschaftlich verankerte Frauenorganisationen die Interessen ihrer Mitglieder, die wiederum oft mit der Verwirklichung des Gemeinwohls übereinstimmen. Auch hierin liegt ein Baustein des Macht- und Konfliktpotenzials über das Frauen in einem Entwicklungsland wie Uganda verfügen.
Mit der politischen Liberalisierung des Landes in den 1980er Jahren, wurde auch die offene Verfolgung von Interessen für Frauenorganisationen möglich. Eng verknüpft mit diesem Zugewinn an Gestaltungsmacht als Empowerment, ist die Herausbildung von Konfliktfähigkeit - gegenüber dem Staat aber auch gegenüber anderen gesellschaftlichen Akteuren. Dabei beziehen die Organisationen den Staat als Instanz nicht unbedingt in ihre Strategien mit ein; kleinere Vereinigungen beschäftigen sich vor allem mit der Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Aber auch damit vergrößern sie ihre Gestaltungsspielräume und den Einfluss auf ihre Gemeinschaften. Die Frauenbewegung Ugandas besteht aus den unterschiedlichsten Vereinigungen, die kaum auf einen Nenner zu bringen sind. Tatsächlich wird gerade in ihrer Unterschiedlichkeit deutlich, dass Empowerment und die Bewahrung relativer Autonomie die Voraussetzungen für die Herausbildung von Konfliktfähigkeit sind.
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Rita Schäfer
Frauen-Rechtsorganisationen und staatliche Institutionen in Südafrika
Strategien und Limitierungen im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt
Frauen-Rechtsorganisationen sind zu Partnerinnen von Entwicklungsorganisationen geworden, denn seit der Weltfrauenkonferenz in Peking sorgen sie für die Umsetzung der dort verabschiedeten Aktionsplattform. Am Beispiel Südafrikas, dessen neue Verfassung wegen ihrer Gleichheitsgrundsätze weltweit als vorbildlich gilt, wird der Beitrag von Frauen-Rechtsorganisationen zur Transformation der Rechtsrealität untersucht. Dabei konzentriert sich diese Analyse auf den Kampf der Frauen-Rechtsorganisationen gegen die geschlechtsspezifische Gewalt - einem zentralen gesellschaftlichen Problem, das die Machtverhältnisse zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid spiegelt. Mit Blick auf die Rechtsrealität ist es ihr Verdienst, durch politische Forderungen öffentliche Diskussionen über geschlechtsspezifische Gewalt anzustoßen. Ihre Mitwirkung an Gesetzesnovellen wie dem “Domestic Violence Act” verdeutlicht, dass sie als organisierte zivilgesellschaftliche Kräfte im neuen Südafrika die Weiterentwicklung der verbrieften Rechte als ihre Aufgabe verstehen und diese nicht allein dem Staat überlassen. Die in der Verfassung verankerten Gleichheitsgrundsätze, an deren Formulierung die Frauenzusammenschlüsse maßgeblich mitwirkten, schaffen eine wichtige Basis für die Veränderung des gesellschaftlichen Machtgefüges. Die Frage, inwieweit Rechte eine wesentliche Voraussetzung zur Situationsverbesserung von Frauen sind, ist keineswegs nur für Südafrika relevant, sondern von grundsätzlichem Interesse für entwicklungs- u. frauenpolitische Fragen.
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Birte Rodenberg
Das Recht auf Geschlechtergleichheit in der Armutsbekämpfung der Entwicklungsinstitutionen
Ansätze für ein neues entwicklungspolitisches Paradigma?
Im Bestreben, sich den wachsenden Herausforderungen durch zunehmende Armut und anwachsende innergesellschaftliche Ungleichheit zu stellen, wird die entwicklungspolitische Gebergemeinschaft nicht müde, immer wieder neue programmatische Meilensteine zu benennen. Im frauenpolitisch bedeutsamen Jahr 2005 ist dies die Überprüfung der Umsetzung der Millennium Development Goals (MDGs), die heutzutage als kleinste politische Gemeinsamkeit der Geberländer gelten. In ihnen wird als drittes Ziel die „Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und Ermächtigung der Frauen“ angestrebt. Während die zivilgesellschaftliche Kritik den generalisierenden Rahmen der Millenniumsziele im Sinne eines "one-frame-fits–it-all"-Ansatzes in Frage stellt, geht die feministische Kritik noch einen Schritt weiter. Sie zeigt anhand der MDGs auf, dass der aktuelle und zukünftige Fokus entwicklungspolitischer Bemühungen auf operative Ziele nur die pragmatische Suche nach einer effizienten Verwaltung von globaler Armut und sozialer Ungleichheit in sich berge. Das hilft jedoch nicht, die komplexen Ursachen zu analysieren und zu beseitigen. Dass Politikinstrumente wie PRSP und MDGs diskursbestimmend und handlungsorientierend wirken und dabei die mühsam errungenen internationalen Vereinbarungen und Konventionen, welche Rechtsmaßstäbe zur Beseitigung von Gewalt, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen gesetzt haben, von der entwicklungspolitischen Agenda verdrängen und damit in ihrer Bindungskraft schwächen, ist eine nicht unerhebliche, reale Gefahr, der sich die frauenpolitische Gemeinschaft in naher Zukunft stellen muss.
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