Zum Inhalt springen

1/2007

Schwerpunkt: Von Gender zu Diversity Politics? Politikwissenschaftliche Perspektiven

Julia Lepperhoff, Anneli Rüling, Alexandra Scheele
Von Gender zu Diversity Politics?
Kategorien feministischer Politikwissenschaft auf dem Prüfstand. Einleitung

In ihrem einleitenden Beitrag in das Schwerpunktthema des Heftes fächern die Autorinnen die politikwissenschaftlichen Berührungspunkte mit dem Diversity-Konzept auf. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte der deutschsprachigen feministischen Politikwissenschaft sehen sie zwei mögliche Entwicklungsrichtungen: Einerseits könnte mit dem Aufkommen von „Diversity“ eine Relativierung der Kategorie „Geschlecht“ stattfinden, die die ohnehin prekäre Position von geschlechterkritischen Analysen in der Politikwissenschaft eher schwächen als stärken würde. Es ist andererseits aber auch eine gegenteilige Entwicklung denkbar: So könnte die feministische Politikwissenschaft sowie ihre Analysekategorien und methodologischen Schlussfolgerungen durch die über den Diversity-Ansatz anvisierte Verknüpfung und Erweiterung von Ungleichheitsdimensionen für Mainstream-Ansätze anschlussfähiger werden. Für die zweite Entwicklungsrichtung sehen die Autorinnen die Aufgabe der feministischen Politikwissenschaft darin, den Ursachen von Unterschieden und ihrer Verknüpfung nachzugehen, da mit Ungleichheit auch Zuschreibungen, Bewertungen und soziale Hierarchisierung im politischen Raum einhergehen sowie die politisch hergestellten Folgen von Unterschieden in den Blick zu nehmen.

[zurück]

Sibylle Hardmeier, Dagmar Vinz
„Diversity“ und „Intersectionality“
Eine kritische Würdigung der Ansätze für die Politikwissenschaft

In der aktuellen Genderforschung und Gleichstellungspolitik erleben zwei neu-deutsche Begriffe Hochkonjunktur: „Intersektionalität“ und „Diversität“. Der Beitrag hat zum Ziel zu klären, mit welchem Begriffsverständnis, auf welcher theoretischen Grundlage und mit welchen methodologischen und empirischen Ansätzen Intersektionalität bzw. Diversity in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Literatur verankert sind und was überhaupt neu ist an diesen Konzepten. Haben beide Konzepte gemeinsam, die Pluralisierung und Differenzkomplexität moderner, globalisierter Gesellschaften zu fassen, so weisen sie im Hinblick auf die oben genannten Fragestellungen deutliche Unterschiede auf. Intersektionaliät ist stärker in einer sozialwissenschaftlichen Tradition verankert und weist Potenziale für die Genderforschung auf - insbesondere aufgrund der Nähe zur Ungleichheitsforschung und weil der inhärente Blick auf Interaktionen von Differenzlagen im Mainstream der empirisch-quantitativen Sozialwissenschaft beliebt ist. Zudem steht der Ansatz der Intersektionalität auch in einer anti-essentialistischen Tradition, während Diversität mit seiner positiven Konnotation von Differenzen sich stärker der Kritik von Essentialismus und Homogenisierung ausgesetzt sieht. Allein die Tatsache, dass der Ansatz der Diversität sich mit dem AGG erfolgreich in der deutschen Gleichstellungspolitik etabliert hat, begründet indessen die Auseinandersetzung mit dem Konzept. Wenn das größte Problem, vor dem auch Intersektionalität nicht gefeit ist, der Beliebigkeit von Differenzachsen geklärt werden kann, birgt Diversität auch Potenziale, nicht zuletzt auch für die Analyse von gruppen- und organisationsinternen Prozessen in sozialpsychologischer oder machttheoretischer Hinsicht.

[zurück]

Birgit Sauer
Diversity. Eine staats- und hegemonietheoretische Reflexion

Birgit Sauer analysiert in ihrem Beitrag, wie feministische Identitätspolitiken und Subjektivierungsformen im Projekt der Veränderung staatlicher Steuerung von Wohlfahrts- und Geschlechterregimen strategisch funktionalisiert werden. Dabei stellt sie die These auf, dass Diversitätspolitik eine neue Regierungstechnik im Kontext des neoliberalen Staatsumbaus sei. Sauer bezieht sich dabei auf ein Staatskonzept, das den Staat nicht vorrangig als bürokratischen Apparat und als liberal-demokratisches Institutionengefüge begreift, sondern als soziales Kräftefeld, in dem nicht nur unterschiedliche Interessen und Mächte in Institutionen und Normen ihren Niederschlag finden, sondern in dem auch über das konkrete Staatsprojekt und die darin verankerten Anerkennungsstrategien entschieden wird. In den Augen Sauers erweist es sich als problematisch, dass unter dem Siegel von Gleichstellung und Antidiskriminierung eine neoliberale staatlich-politische Steuerung von Gesellschaftsverhältnissen und ein herrschaftsverschleiernder Zugriff auf Subjekte und auch herrschaftsfreie Denk- und Handlungszusammenhänge stattfinde.

[zurück]

Judith Squires
Diversity Mainstreaming:
Moving Beyond Technocratic and Additive Approaches

Judith Squires argumentiert in ihrem Beitrag, dass Diversitätspolitik im allgemeinen und insbesondere ihre Umsetzung auf der EU-Ebene ein positiver Ansatz sei, alle Formen von Ungleichheiten und ihre Überkreuzungen angemessen zu berücksichtigen. Zentral sei es deshalb, das Prinzip des Mainstreaming nicht ausschließlich auf Gender zu beziehen, sondern um andere Ungleichheitsdimensionen zu erweitern, um mehr Gleichheit herzustellen. Aus ihrem kurzen Überblick über den Ansatz und die Implementation von Gender Mainstreaming wird eine Kritik an der bürokratischen und auf ExpertInnen begrenzten Umsetzung deutlich. Von daher sei zu befürchten, dass die Einbeziehung anderer Formen von Ungleichheit in einem Ansatz des Diversity Mainstreaming ebenfalls eher auf der Ebene von Experten und in Top-Down-Prozessen stattfindet. Zudem genüge es nicht, die verschiedenen Dimensionen, an denen Diversität meist festgemacht werde, einfach additiv zusammenzuführen. Squires plädiert hingegen für ein partizipativ-demokratisches Modell von Mainstreaming und ein transversales Verständnis von Intersektionalität. Um dies zu erreichen, bedürfe es allerdings einer Form von deliberativer Demokratie, bei der der Austausch zwischen VertreterInnen eindeutiger Gleichheitsvorstellungen möglich ist und es um die Entwicklung gemeinsamer Ziele geht.

[zurück]

Susanne Baer
Gleichheit und Vielfalt in Europa.
Kontextualisierte Perspektiven

In ihrer Betrachtung von Gleichstellungspolitiken skizziert Susanne Baer forschungsstrategisch, warum und in welcher Weise mehr europäisch vergleichende und transdisziplinäre Forschung einen Gewinn für die Analyse von Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitiken darstellt. Die Frage nach den Erfolgsbedingungen von Gleichstellungsvorgaben, nach Instrumenten und Strategien, aber auch nach den Wirkungen von Gleichstellungspolitik lasse sich nur komparativ und – in Ergänzung zur feministischen Politikwissenschaft – nicht zuletzt durch Wissen zur rechtlichen Fundierung von Gleichstellungspolitik beantworten.

[zurück]

Miriam Gwisdalla
Eine Stadt für alle?
Gender und Diversity in der räumlichen Planung

Miriam Gwisdalla untersucht in ihrem Beitrag die Frage, welche Kategorien und gleichstellungspolitischen Ansätze in der kommunalen Raumplanung zum Tragen kommen. Gender-Mainstreaming-Ansätze stehen in der Stadtplanung neben klassischen Forderungen der Frauenforschung und beteiligungsorientierten Ansätzen, die eher an Diversity-Forderungen anschließen. Anhand empirischer Analysen unterschiedlicher Planungsprozesse kommt Gwisdalla zum Schluss, dass die Konzepte in der Praxis nicht trennscharf unterschieden werden können, sondern sich vermischen. Interessanterweise würden etwa unter dem Siegel des Gender Mainstreaming häufig auch ältere partizipative Verfahren angewandt, im Rahmen derer verschiedene soziale Gruppen am Planungsprozess beteiligt werden – dies führe jedoch nicht notwendigerweise zur Integration einer Gender-Perspektive. Insgesamt – so bemängelt Gwisdalla – fehle es vor allem an der Formulierung von Gender-Zielen.

[zurück]

Cordula Dittmer, Anne Mangold
Auf dem Weg zu einer Gleichstellung der Geschlechter?
Das Gleichstellungsgesetz für Soldatinnen und Soldaten

Gleichstellungsstrategien werden i.d.R. außerhalb derjenigen Organisationen entwickelt, in denen sie letztendlich ihre Wirkung entfalten sollen. Der Prozess der Anpassung an die spezifischen Bedingungen der Organisation wird in diesem Beitrag am Beispiel der Bundeswehr bei der Entstehung des Soldatinnen- und Soldatengleichstellungsdurchsetzungsgesetz (SDGleiG) analysiert. Aus den Ergebnissen unserer empirischen Studie wird deutlich, dass erstens nicht alle externen Anforderungen an Gleichstellung in Organisationen als relevant angesehen werden. Zweitens stehen bei der Aushandlung des spezifischen Gleichstellungsinstrumentes nicht nur Geschlechter­verhältnisse, sondern die Organisation an sich, ihr Charakter und interne Machtverteilungen auf der Agenda. Eine dritte Erkenntnis ist, dass die gezielte Anwendung von Wissen über die Instrumente eine zentrale Ressource im Aushandlungsprozess darstellen kann. In diesem Artikel wird im ersten Abschnitt kurz in die Gleichstellungspolitik der Bundeswehr eingeführt und dann die theoretischen Grundlagen der empirischen Untersuchung dargelegt, in denen mikropolitische Ansätze, Ergebnisse aus der Policy-Forschung und feministische Ansätze verbunden werden. Daran anschließend wird die Akteurskonstellation rund um den Gesetzesentwurf skizziert und exemplarisch anhand dreier zentraler Akteure die Aushandlungen zum Thema „Teilzeit“ erläutert.

[zurück]

Patricia Purtschert
Diversity Management: Mehr Gewinn durch weniger Diskriminierung?
Von der Differenz im Umgang mit Differenzen

Patricia Purtschert wirft einen kritischen Blick auf Diskurse zu Diversity Management, die das bisher größte Anwendungsfeld von Diversity darstellen. Diversity-Management-Ansätze klängen oft so, als würden feministische Forderungen endlich im großen Stil Eingang in die Privatwirtschaft finden: Differenzen, so heißt es da, sollten anerkannt und aufgewertet, der Diskriminierungsschutz ausgebaut, Frauenquoten in den Führungsetagen erhöht und die Familien- und Erwerbsarbeit sinnvoll vereinbart werden können. Um die Reichweite solcher Forderungen zu ermessen, greift Purtschert auf die feministische Theorie zurück. Diese ermöglicht, die Ausklammerung oder Unterbestimmung des Machtbegriffs in vielen Diversity-Management-Ansätzen aufzuzeigen und zu problematisieren. Dem tendenziell entpolitisierten Zugang des Diversity Managements, in dem Differenzen als Ausdruck menschlicher Individualität erscheinen, stelle die feministische Theorie ein Nachdenken über Differenzen entgegen, das stets mit Reflexionen über Macht und Ungleichheit gekoppelt ist. Die feministische Tradition erweist sich daher – so Purtschert – als wichtiger Referenzpunkt für die kritische Auseinandersetzung mit dem neoliberalen Phänomen des Diversity Managements.

[zurück]