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1/2011

Schwerpunkt: Peace Matters. Leerstellen in der Friedens- und Konfliktforschung

Simone Wisotzki
Feministische Friedens- und Konfliktforschung -
neue Ansätze, neue Erkenntnisse?

Feministische Friedens- und Konfliktforschung will geschlechterstereotype soziale Verhältnisse identifizieren, nach ihren Auswirkungen auf Gewalteskalation und Krieg hin überprüfen und modellhafte Gegenentwürfe für eine geschlechtergerechte Welt entwickeln. Realpolitisch stößt ein solcher Anspruch jedoch oftmals auf Widerstand, wie der Beitrag anhand der Implementierung der UN-Resolution 1325 aufzeigt. Neuere Ansätze der politischen Theorie zur feministischen Gerechtigkeitskonzeptionen sowie feministische postkoloniale Ansätze geben der geschlechtersensiblen Friedens- und Konfliktforschung viel versprechende Impulse. Denn sie schärfen den Blick dieser anwendungsorientierten Forschungsdisziplin für die Entwicklung einer nachhaltigen, solidarischen und zugleich differenzierten Friedenspolitik gerade auch in Nachkriegssituationen. Die Gerechtigkeitsforschung zeigt Wege zu einer geschlechtersensiblen Diskursethik für den Umgang mit den „Anderen“, die postkoloniale Perspektive verweist auf die historischen Dimensionen sozialer Ungerechtigkeit und sensibilisiert für neokoloniale Herrschaftsformen.

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Bettina Engels. Corinna Gayer
Wie viel Feminismus soll es sein?
Friedens- und Konfliktforschung zwischen feministischer Theorie, Gender und Mainstream

Überblicksartikel zu Geschlechterperspektiven in der Friedens- und Konfliktforschung befassen sich meist damit, die bisher erbrachten Erkenntnisse feministischer und gendersensibler Forschung zu Konflikt, Gewalt und Frieden darzustellen, ihren Mehrwert gegenüber dem Mainstream/Malestream herauszuarbeiten und damit Letztgenannten von der Notwendigkeit des systematischen Einbezugs der Kategorie Geschlecht zu überzeugen zu versuchen. Wir richten in unserem Beitrag dagegen den Blick auf das theoretische und analytische Spannungsfeld innerhalb der feministischen und gendersensiblen Perspektiven der Friedens- und Konfliktforschung – in dem Bewusstsein, dass diese nach wie vor eine Nische innerhalb der Disziplin darstellen und der Mainstream/Malestream keinesfalls von der Notwendigkeit einer Integration von Geschlechterperspektiven überzeugt ist. Trotz des gemeinsamen Anspruchs, die vergeschlechtlichten Dynamiken und Implikationen von Sicherheit, Krieg und Frieden analytisch sichtbar zu machen, bestehen innerhalb dieser Nische grundlegende Unterschiede hinsichtlich theoretischer Ausgangspunkte und empirischer Vorgehensweisen. Wir stellen in unserer Diskussion idealtypisch feministische und gendersensible Perspektiven in der Friedens- und Konfliktforschung gegenüber. Wir folgen also nicht der an der Chronologie feministischer Debatten und Bewegungen orientierten Einteilung von Gleichheits-, Differenz- und postmodernen feministischen Ansätzen, sondern orientieren uns in der Verortung der Literatur primär an ihren erkenntnistheoretischen Ausgangspunkten. Zentrale Kriterien dabei sind das Verhältnis von Theorie und Empirie, der Wissenschafts-Praxis-Bezug sowie das Verhältnis zum Mainstream/Malestream. Wie viel feministische Theorie braucht eine gendersensible Friedens- und Konfliktforschung? Abschließend diskutieren wir entlang dieser Frage, inwiefern und wie sich feministische und gendersensible Friedens- und Konfliktforschung begegnen können und sollten. Das Verhältnis beider Forschungsrichtungen zueinander spielt eine zentrale Rolle auch mit Blick auf ihr Verhältnis gegenüber dem Mainstream/Malestream: Denn obwohl die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Ansprüchen an Theorie, Empirie und Praxis zentral für das Selbstverständnis feministischer und gendersensibler Forschung und ihre Weiterentwicklung ist, sollte die Tendenz zur Lagerbildung jedoch nicht dazu führen, dass die politische Auseinandersetzung (nur) innerhalb der feministischen und gendersensiblen Forschung anstatt mit dem wissenschaftlichen und politischen Mainstream/Malestream geführt wird.

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Ruth Streicher
Männer, Männlichkeit und Konflikt:
Eine kritische Reflektion des Forschungsstandes und ein Plädoyer für konzeptionelle Öffnungen

Die Beschäftigung mit Männlichkeit wird in der in der geschlechterkritischen Friedens- und Konfliktforschung häufig als innovative Forschungspraxis dargestellt, durch die eine einseitige Verengung des Forschungsgegenstandes auf die Situation von Frauen verhindert werden könne. Diese „Entdeckung der Männlichkeit“ in der Friedens- und Konfliktforschung birgt jedoch die Gefahr, eine essentialistische Kategorie von Männern in den Vordergrund zu rücken statt die Untersuchung von Geschlecht als soziale Konstruktion zu vertiefen, und damit hinter bereits gewonnene theoretische Erkenntnisse der Geschlechterforschung zurückzufallen. Die Überlegungen in diesem Artikel sind dementsprechend von der Frage geleitet, wie die Untersuchung von Frauen und Männern in Konflikten in Richtung einer Erforschung von Geschlechts- und Gewaltdynamiken gelenkt werden kann. Dazu werden bestehende Arbeiten zur Konstruktion von Männlichkeit in Konflikten kritisch beleuchtet, bevor anhand der Kategorien von Verletzungsmacht und -offenheit für konzeptionelle Öffnungen in der Debatte plädiert wird.

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Miriam Schroer-Hippel
Männlichkeit und zivilgesellschaftliche Friedensarbeit -
Konsequenzen aus der Gender- und Konfliktforschung

Zwischen gendertheoretischen Debatten der Friedens- und Konfliktforschung und friedenspolitischer Praxis bestehen zwar viele Berührungspunkte, dennoch bleiben in den Praxisdebatten Teile der wissenschaftlichen Diskussion weitgehend unberücksichtigt. In den zahlreichen Praxisleitfäden für genderorientierte Friedensarbeit wird die Geschlechterperspektive überwiegend als Gleichstellungsperspektive diskutiert. Sie beziehen sich vorrangig auf Studien über geschlechtsspezifische Erfahrungen in Konflikten. Wenig Eingang in die Praxisleitfäden finden Debatten über Konstruktionsprozesse von Geschlecht und Nation als Bestandteil der gewaltförmigen Konflikteskalation. Im Beitrag wird daher gefragt, welche Schlussfolgerungen aus diesen wissenschaftlichen Debatten für die Praxis einer männlichkeitsorientierten Friedensarbeit gezogen werden können. Als normativer Rahmen wird dabei das Ideal des geschlechtergerechten Friedens zu Grunde gelegt. Zielsetzung einer solchen Arbeit sollte es sein, Hierarchien zwischen Männern und Frauen nicht zu verstärken, Männlichkeitskonstruktionen zu demilitarisieren, Hierarchien zwischen Männern herauszufordern und sozial akzeptierte Männlichkeitskonstruktionen zu vervielfältigen. Wichtige Ausgangspunkte für die Praxis sind die Kerngedanken, dass Männlichkeit umkämpft und veränderbar ist und dass militarisierte Männlichkeitskonstruktionen immer wieder neu hergestellt werden. Die Entwicklung von Alternativen muss immer an Vorhandenes im jeweiligen Kontext anknüpfen, um glaubwürdig zu sein. Wichtige inhaltliche Themen sind u.a. Mut und Feigheit, Waffenbesitz, aber auch materielle Lebensgrundlagen. Aus den vorliegenden Studien werden Prozesse und mögliche Ansatzpunkte einer männlichkeitsorientierten Friedensarbeit herausgearbeitet.

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Cordula Reimann, Rahel Fischer
Politische Rhetorik im Norden - lokale Realität im Süden?
Eine Fallstudie zur Implementierung von UN-Sicherheitsresolution 1325

Seit im Jahr 2000 die UN-Sicherheitsratsresolution 1325 zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“ verabschiedet wurde, steht sie als Synonym für vielgestaltige Bestrebungen, die Genderperspektive in die internationale Friedenspolitik zu integrieren. Der Erfolg auf der Ebene der offiziellen politischen Rhetorik kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die real eingeleiteten Maßnahmen noch weit hinter den politischen Ansprüchen zurückstehen. In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Welches sind die konkreten Herausforderungen in der lokalen Implementierung von 1325? Wieweit können und sollen RegierungsakteurInnen und zivilgesellschaftliche AkteurInnen aus dem Norden die Umsetzung von 1325 im globalen Süden befördern? Welches sind Chancen, was aber auch die Gefahren solcher Bemühungen? Diesen Fragen nachgehend hat das Kompetenzzentrum Friedensförderung (KOFF) der schweizerischen Friedensstiftung swisspeace im Jahr 2009 einen Analyseprozess am Beispiel des Schweizer Engagements in Kolumbien lanciert und begleitet, dessen Resultate im Artikel diskutiert werden.

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Katharina Schoenes
„Talibanterroristen“, freundliche Helfer und lächelnde Mädchen –
Die Rolle der Frauenrechte bei der Legitimation des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr.

Dieser Beitrag untersucht diskursanalytisch den legitimatorischen Rekurs auf Frauenrechte in den Debatten des Deutschen Bundestages zu den Afghanistan-Mandaten der Bundeswehr in den Jahren 2001 bis 2009. Methodisch basiert er auf konstruktivistischen und sprachbasierten Ansätzen in den Internationalen Beziehungen, theoretisch knüpft er an feministische Arbeiten zur Rolle von Frauenkörpern bei Konstruktionen von Nation, Identität, Krieg und Sicherheit an. Es wird gezeigt, dass die Legitimation des Afghanistankrieges als „Krieg für die Frauen“ nur dann Geltung beanspruchen kann, wenn bestimmte Wissensvorräte in die Debatte über die Kriegsbeteiligung Eingang finden, während andere ausgeschlossen bleiben, insbesondere wenn in den Debattenbeiträgen bestimmte Bilder von afghanischen Frauen konstruiert werden. Eine Kritik an der Instrumentalisierung von Frauenrechten bei der Legitimation von militaristischen Außenpolitiken ist in Anbetracht der Debatte über „neue Kriege“ und „terroristische Bedrohungen“ dringend geboten. Sie muss, um wirksam zu sein, immer wieder die diskursiven Konstrukte in Frage stellen, auf denen die Argumente für den Krieg basieren.

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Rita Schäfer
Forschungen afrikanischer WissenschaftlerInnen über Gender und Kriege:
Schwerpunkte und Kontexte

Gender-Forschungen afrikanischer WissenschafterInnen bieten fundierte Erkenntnisse zum Verständnis der Komplexität von Kriegen und bewaffneten Konflikten aus emischen Perspektiven. Ein zeitlicher Längsschnitt zeigt wichtige Forschungstendenzen und thematische Schwerpunkte auf. Grundlage ist ein umfassender Gender-Begriff, der die Interdependenzen zwischen unterschiedlichen Machtbereichen und Differenzen zwischen Frauen sowie zwischen Männern unterschiedlichen Alters und Status erfasst. Zur Kontextualisierung der Studien werden institutionelle Rahmenbedingungen erläutert und forschungspolitische Herausforderungen skizziert. Die Autorin plädiert für die Intensivierung internationaler Wissenschaftskooperationen, damit die Forschungen auch hier verstärkt rezipiert werden.

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Sigrid Metz-Göckel, Kirsten Heusgen, Christina Möller, Ramona Schürmann, Petra Selent
Generative Entscheidungen und prekäre Beschäftigungsbedingungen des wissenschaftlichen Personals an Hochschulen

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Tina Jung
Birgit Riegraf, Brigitte Aulenbacher, Edit Kirsch-Auwärter, Ursula Müller (Hg.):
Gender Change in Academia. Re-Mapping the Fields of Work, Knowledge, and Politics from a Gender Perspective

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