2/2001
Schwerpunkt: Feministische Perspektiven in der Politikwissenschaft (Tagungsband )
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Seyla Benhabib
Geschlecht, Multikulturalismus und Staatsbürgerschaft in liberalen Demokratien
In dem Beitrag wird die Frage diskutiert, welche Bedeutung multikulturelle legale und politische Institutionen, und insbesondere die Anerkennung von Gruppenrechten in liberalen Demokratien für Geschlechterverhältnisse haben. Anhand weit verbreiterer kultureller Praktiken, wie z.B. das Tragen des Schleiers, und Entscheidungen von Gerichten, kulturelle Aspekte strafmildernd in Strafurteile einzubeziehen, wird die Komplexität von Geschlecht, Multikulturalismus und bürgerlichen Rechten dargelegt. In den erhitzten Debatten über das Verhältnis von Geschlecht und Multikulturalismus wird, so die zentrale These, eine "reduktionistische Kultursoziologie" unterstellt, die auf falschen epistemologischen Annahmen beruht. Wenn hingegen ein anderer Kulturbegriff angenommen wird, dann kann das Ziel von Frauen nach Freiheit und Gleichheit mit der legitimen Vielfalt menschlicher Kulturen vereinbart werden. Egalitäre Reziprozität, freiwillige Selbstzuschreibung sowie die Freiheit zum Austritt und zur Assoziation werden als normative Bedingungen für eine demokratische multikulturelle Politik eingeführt.
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Sabine Berghahn
Perspektiven des Normativen:
Partizipationsfortschritt durch Prozeduralisierung?
Der Beitrag umreißt den Stand heutiger "Frauenrechte" und Gleichstellungsbemühungen anhand eines kurzen historischen Rückblicks und der Beschreibung einiger Strukturelemente der bundesdeutschen Rechtssetzung und Rechtsfindung. Sodann schließt sich die Frage an, ob die Prozeduralisierung des Rechts neue egalitäts- und partizipationsförderliche Perspektiven eröffnet und worin sie bestehen. Die Frage lässt sich grundsätzlich bejahen, wenn auch die Grenzen und Risiken der prozeduralen Rechtsstrategie gesehen werden müssen.
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Birgit Sauer
Das "bewundernswert Männliche" des Staates.
Überlegungen zum Geschlechterverhältnis in der Politik
Der Prozess der Modernisierung, Rationalisierung und Demokratisierung des Staates war ein Prozess der Vermännlichung. Die "subjektlose Gewalt", wie Heide Gerstenberger den modernen, "entpersonalisierten" Staat nennt, hat ein Geschlecht: Er ist männlich. Meine Argumentation für ein feministisches Staatskonzept nimmt ihren Ausgang in einer Skizze des Problemfeldes, aus dem heraus sich die Notwendigkeit einer geschlechtssensiblen Präzisierungsarbeit am Staatsbegriff ergibt, namentlich aus den politischen Entwicklungen, den ökonomischen und sozialen Transformationen, die mit dem Ende des Realsozialismus unter dem Signum der "Globalisierung" einsetzten.
Der Beitrag vertritt die These der "Entstehung des Staates aus den Geschlechterverhältnissen". Dies heißt, dass Staat und Geschlecht sich gegenseitig konstituierende diskursive Formationen, Praxen und Institutionen sind. Der Staat ist ein Apparat und ein strategisch-diskursives Feld, er ist ein diskursives Feld mit institutionellen Sedimenten. Im Staatsdiskurs werden Institutionen und Organisationen, aber auch Subjekte überhaupt erst kreiert und positioniert - und zwar (auch) in geschlechtsspezifischer Weise.
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Barbara Holland-Cunz
Komplexität oder Schlichtheit:
Wie soll sich die Demokratietheorie auf die neuen Herausforderungen einstellen?
Demokratischen Gesellschaften stellen sich am Beginn des 21. Jahrhunderts zahlreiche neue und/oder noch nicht gelöste Probleme. Von der weltweiten Armutsbekämpfung bis zur Transnationalisierung der Demokratie reichen die hoch komplexen Herausforderungen. Komplexe Lösungsvorschläge scheinen deshalb auch die einzig angemessenen demokratietheoretischen Antworten zu sein. Diese intuitive Diagnose wird in Frage gestellt: Orientiert an der Darstellung einschlägiger politiktheoretischer Konzepte formuliert der Text die Hypothese, dass heute vor allem theoretische Schlichtheit - im Sinne argumentativer und politischer Transparenz - eine demokratiepolitische Notwendigkeit darstellt.
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Eva Kreisky
Die maskuline Ethik des Neoliberalismus
- Die neoliberale Dynamik des Maskulinismus
Die maskuline Ethik des Neoliberalismus. Die neoliberale Dynamik des Maskulinismus
Der Beitrag setzt sich mit der neo-liberalen Durchdringung von Gesellschaft und Politik auseinander. Im Zentrum stehen insbesondere Fragen, welche Schleusen für Re-Maskulinisierung in globaler, europäischer, "nationalstaatlicher" oder "lokaler" geöffnet werden, welche Aufwertung Männlichkeit in neo-liberalen Strategien erfährt, welche Konsequenzen die Neo-Liberalisierung für feministische Politikstrategien hat, und was der Rückbau von (Sozial)Staatlichkeit bei synchroner Ausweitung von (Gewalt-)Staatlichkeit (Stichwort "Sicherheitspolitik") für feministische Theoretisierungen bedeutet.
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Sabine Lang
Reprivatisierungen im neoliberalen Geschlechterregime
Gesellschaften werden in der neoliberalen Spielart des Maskulinismus unter neuen Vorzeichen vergeschlechtlicht. Eine zentrale Komponente dieser Neustrukturierung ist, so die These dieses Beitrags, die Reprivatisierung einer Vielzahl von Bereichen des Geschlechterverhältnisses, die in den achtziger und neunziger Jahren von den neuen sozialen Bewegungen auf die gesellschaftspolitisch zu verhandelnde Agenda gesetzt worden waren. Der Beitrag zeigt auf, wie der Neoliberalismus durch die drei Strategien der Retraditionalisierung, der Individualisierung und der spezifisch neoliberalen Politisierung geschlechtersensible Themen aus dem öffentlichen Diskurs abzieht und auf spezifische Weise reprivatisiert. In der Konsequenz müssen, so lautet das Fazit des Beitrags, die Begriffe Öffentlichkeit und Privatheit heute anders verklammern werden als noch vor einem Jahrzehnt.
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Brigitte Young
"Engendering" der Europäischen Finanzpolitik in der EWU
Finanzmärkte haben kein Geschlecht. Dies ist weiters nichts Neues. Erstaunlicher ist vielmehr, dass der Bereich der internationalen Finanzmärkte für feministische Forscherinnen eine leblose Grauzone geblieben ist. Das Papier versucht, die bisher weitgehend von feministischen Wissenschaftlerinnen gemiedenen Finanzmärkte und die Geldpolitik in Bezug auf die Europäische Währungsunion zu "engendern". Dieser Versuch ist mit der ontologischen und methodologischen Frage verbunden, wie "harte Themen" feministisch "demystifiziert, dekonstruiert und demokratisiert" (3Ds) werden können. Feministische Ökonomie kann dazu beitragen, die derzeitige Sparpolitik der Regierungen im Kontext eines konstruierten "disziplinierenden Neoliberalismus" zu entmystifizieren und für eine gesamtgesellschaftliche genderdemokratische Geldpolitik zu votieren.
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Irmgard Schultz
Der blinde Fleck zwischen Politik und Technikwissenschaften:
Strategien eines scientific-technological empowerment als Perspektive feministischer Wissenschaft und Politik
Bis heute fehlen Perspektiven für die Beteiligung von Frauen bei der Gestaltung von komplexen technologischen Systemen. Der Beitrag greift dieses Desiderat auf und focussiert auf Möglichkeiten einer "technological-citizenship". Dazu wird das Konzept der "Gestaltungsmacht von Frauen" vorgestellt, das im Rahmen der problemorientierten, transdisziplinären Umweltforschung entwickelt wurde. Das Konzept schließt an den empowerment-Ansatz der internationalen Frauenbewegung an, wie er durch das südostasiatische Netzwerk DAWN ("Development with Women for a New Era") in die Weltfrauenkonferenzen der neunziger Jahre eingebracht wurde, akzentuiert dabei jedoch die Dimension wissenschaftlich-partizipativer Gestaltung der Technikentwicklung von Frauen.
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Claudia von Braunmühl
Zur Universalismusdebatte in der internationalen Frauenbewegung:
Konzepte einer transnationalen Genderpolitik
In den letzten 20 Jahren hat sich in der internationalen Frauenbewegung ein Diskurs herausgebildet, in dem die universellen Menschenrechte als Referenz- und Legitimationsrahmen für die Auseinandersetzung mit patriarchal strukturierten Institutionen und Instanzen wie auch für Koalitionsbildungen unter verschiedenen frauen- und genderpolitischen Ansätzen weltweit zunehmend bedeutsam sind. Dabei wird die Kritik an den andro- und eurozentrischen Verzerrungen des Menschenrechtsdiskurses und an der dominanten Stimme der westlichen Frauenbewegung durchaus nicht hintan gestellt. Gleichwohl bewegt sich der transnationale Genderdiskurs in wachsendem Maße im normensetzenden Bezugssystem der universellen Menschenrechte.
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