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2/2017

Schwerpunkt: Care im (sozialinvestiven) Wohlfahrtsstaat

MICHAEL STIEGLER. TATJANA SCHÖNWÄLDER-KUNZE
Wie subsidiär ist (der) 'Care'(-Diskurs)?

Der Beitrag skizziert die Breite, aber auch die Funktionalität der Verwendung von ‚Care‘ im deutschsprachigen Raum, um diese diskurskritisch zu analysieren. Wir stellen die Frage, wie subsidiär der ‚Care'-Diskurs selbst ist, um darauf aufmerksam zu machen, dass zum einen eines der impliziten, hegemonialen Denkmuster des Care-Diskurses u.a. darin besteht, ‚Care‘ trotz seiner vielfältigen Erscheinungsformen auf (tauschökonomische) Reziprozität zu reduzieren. Zum anderen werden analoge Verschiebungen in Bezug auf das Prädikat ‚sozialinvestiv‘ und die Funktion von ‚Care‘ im sozialphilosophischen Zusammenhang gezeigt, wo ‚Care‘ eine komplementäre, aber untergeordnete Funktion in Gerechtigkeitskonzeptionen zugeschrieben wird. Abschließend plädieren wir dafür, ‚Care‘ begrifflich so zu erweitern, dass seine Bedeutung über das tauschökonomische Paradigma hinausweisen kann. ----- Ta(l)king Care: Subsidiarity and Discourse Abstract The paper outlines the breadth and also the functionality of the use of 'care' in the German-speaking world to analyze this discourse critically. We raise the question of how subsidiary the 'care' discourse itself is and draw attention to, on the one hand, the implicit, hegemonic patterns of care discourses to reduce 'care', despite its various appearances, to exchange-economic reciprocity. On the other hand, we reveal similar shifts of the predicate 'social investment' and the function of 'care' in the social-philosophical context, where 'care' is attributed a complementary, but subordinate, function in justice concepts. In conclusion, we advocate that 'care' be conceptually extended so that its meaning can go beyond the exchange-economic paradigm.

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TINA JUNG
Maternity Care: Ein 'heißes' Thema der Politik - kein Thema der (feministischen) Politikwissenschaft?
Konzeptionelle Überlegungen zu einem vernachlässigten Politikfeld

eit Anfang der 2010er-Jahre sind Schwangerschaft und Geburt zu einem ‚heißen’' Thema der Politik geworden. Wichtige gesundheitspolitische Akteur_innen auf Länder- und auf Bundesebene haben sich u.a. mit der Versorgung mit Hebammenhilfe, der Schließung von Kreißsälen und den steigenden Kaiserschnittraten beschäftigt. Auch sind eine Reihe zivilgesellschaftlicher Protestaktionen und politischer Initiativen entstanden, die überwiegend von Praktiker_innen sowie jungen Müttern und Eltern getragen werden. Obwohl die politischen Auseinandersetzungen im Feld Schwangerschaft und Geburt in substanzieller Weise auch Fragen von Frauengesundheits- und Selbstbestimmungsrechten betreffen, sind sie bislang kaum Gegenstand feministischer Politikwissenschaft. Im Beitrag wird ein konzeptioneller Vorschlag formuliert, wie Maternity Care – verstanden als Ensemble aller leiblichen, sozialen, psychologischen, medizinisch-technischen, beziehungsorientierten Fürsorge- und Beziehungsarbeiten, die Frauen rund um Schwangerschaft, Geburt und der Zeit danach betreffen – als spezifisches, nicht zuletzt wohlfahrtsstaatlich reguliertes Politikfeld in den Gegenstandsbereich der (feministischen) Politikwissenschaft integriert werden kann. ----- Maternity care: a 'hot' topic in politics – a non-topic in (feminist) political science? Conceptual considerations about a neglected policy area Abstract Since the beginning of this decade pregnancy and childbirth have become a 'hot topic' in German politics. Health care officials have increasingly been concerned with issues regarding midwifery services, the closures of delivery rooms, and the rising number of C-sections. This growing political concern has been accompanied by many political protests and civil society initiatives, mainly supported by women's health practitioners and young mothers and parents. Even though these political discussions on maternity care revolve around crucial issues of women's (health) rights and self-determination, feminist political science has not yet systematically taken them into account. I propose an analytic framework to understand maternity care as bodily, social, psychological, medical, technical, and relationship-oriented care that is relevant for women during pregnancy, birth, and postpartum. As such, maternity care can and indeed has to be integrated into the subject matter of (feminist) political science.

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INGRID MAIRHUBER. KARIN SARADVAR
Pflegekarenz und Pflegeteilzeit in Österreich
Eine Neuausrichtung im Pflegezeitregime? Folgen, Potenziale und Grenzen einer Maßnahme zur 'Vereinbarkeit' von Erwerbsarbeit und Care

2014 wurde mit der Einführung einer bezahlten Pflegekarenz/-teilzeit in Österreich erstmals eine Maßnahme beschlossen, die explizit auf die Förderung einer parallelen Vereinbarkeit bzw. eines nur kurzen Ausstiegs aus der Erwerbstätigkeit aufgrund von Angehörigenpflege abzielt. Angesichts der rezenten Einführung liegen bislang noch kaum Befunde zu Nutzung und Implikationen dieser Maßnahme vor. Im vorliegenden Beitrag liefern wir eine erste vertiefende Untersuchung der Pflegekarenz/-teilzeit. Dabei führen wir zwei Analyseperspektiven zusammen: zum einen eine politikwissenschaftliche Analyse zum Design der Maßnahme sowie ihrer widersprüchlichen Einbettung in das österreichische Langzeitpflegeregime, zum anderen Ergebnisse qualitativer empirischer Fallstudien mit pflegenden Angehörigen. ----- Care leave in Austria: a new direction in the long-term care regime? Implications, potentials, and limitations of a measure for ‘reconciling’ employment and care work Abstract In 2014, Austria implemented a paid care leave with full-time or part-time option. It is the first measure that explicitly aims at enhancing a parallel combination of employment and informal family care. As it was introduced only recently, there are so far hardly any findings on how this measure is being used and what using it implies for employed family carers. In this article, we present an initial empirical investigation of the paidcare leave. We do so by integrating two perspectives of analysis: For one thing, a policy-oriented analysis on the design of the measure and the contradictive ways in which it is embedded in the Austrian long-term care regime. For another, findings of qualitative empirical case studies with informal family carers.

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JANINA GLAESER. STEFAN KERBER-CLASEN
Arbeit im sozialinvestiven Sozialstaat:
Die Inwertsetzung der Arbeit in Kitas und in der Kindertagespflege

Der Beitrag untersucht die Auswirkungen jüngster sozialinvestiver Politiken in Kitas und Kindertagespflege in Deutschland. Im Zuge des Ausbaus der Betreuungsplätze lässt sich eine ambivalente Inwertsetzung dieser Tätigkeitsbereiche feststellen, in der austeritätspolitische Maßnahmen Qualitätsverbesserungen zuwiderlaufen. Die Beschäftigten profitieren hiervon materiell nur bedingt. Die Inwertsetzung dieser vergeschlechtlichten Care-Sektoren vollzieht sich in Auseinandersetzung mit der ihr historisch vorgelagerten Entwertung von Care. ----- The social investment welfare state: valuing work of child minders in public care institutions and home-based settings Abstract In this article, we analyze the consequences of recent social-investment policies in daycare centers and home based child minding in Germany. Alongside the expansion of these care sectors, we observe how they are increasingly valorized, though under premises of austerity, and with ambiguous results. These processes of valorization take on different forms in daycare but they are both closely tied to the historically established de-valorization of care.

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VIVIANE VIDOT
Wie defamilisierend ist der Kita-Ausbau?
Zum Verhältnis zwischen impliziten Theorien lokaler AkteurInnen und der lokalen Varianz der Kinderbetreuungsquote

Einen wesentlichen Wandel hat die Familienpolitik in den vergangenen Jahren durch das sogenannte Kinderförderungsgesetz (KiföG) vollzogen. Dieses Bundesgesetz sieht einen bedarfsgerechten Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige vor. Die Umsetzung fällt den Kommunen zu, die unterschiedlich mit dieser Herausforderung umgehen. In dem Beitrag wird die lokale Varianz in der Kinderbetreuungsquote als Ausdruck unterschiedlicher Vorstellungen zur Kinderbetreuung analysiert. Der Beitrag zeigt auf, wie implizite Theorien lokaler AkteurInnen Deutungsmacht über die lokale Kinderbetreuungspolitik entfalten. Hierbei wurde die Bildung eines Konsenses der lokalen AkteurInnen über die impliziten Theorien festgestellt. Entlang dieser impliziten Theorien entwickeln die untersuchten vier Kommunen eigenständige kinderbetreuungspolitische Profile, die entlang der von Leitner weiterentwickelten Familialismus-Typologie von Esping-Andersen verortet werden. Der Beitrag verdeutlicht, dass lokalspezifische Übersetzungen von einheitlichen übergeordneten Vorgaben unterschiedliche (de)familialistische Profile auf kommunaler Ebene hervorbringen. ----- How de-familizing is the expansion of childcare? The relationship between the implicit theories of local actors and variability in childcare quotas Abstract In Germany, a new federal law, the Childcare Funding Act (Kinderförderungsgesetz, or KiföG) has triggered a major change in family policy. The law aims at expanding nationwide childcare services for children under the age of three. The implementation of the law is, however, left to municipal authorities, and the approaches of individual municipalities vary considerably. How can this local variation in the care ratio be explained? The article argues that diverging concepts around childcare account for this variance, with local actors framing childcare policies according to their own implicit theories. Furthermore, the empirical data presented here suggests that, among specific groups of local actors, a consensus exists around these implicit theories. With respect to childcare policy, the four municipalities investigated in this article all develop relatively autonomous approaches derived from their respective implicit theories. This article deploys Leitner’s elaboration of Esping-Andersen’s typology of familialism to show that, when uniform, more general guidelines are translated into concrete policies at the local level, the result is a diversity in (de)familialistic policy profiles.

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KATJA SCHMIDT
Who Cares?
Strukturelle Ungleichheiten in den Arbeits- und Berufsbedingungen der Pflege - Empirische Ergebnisse zu den Deutungs- und Bewältigungsmustern von Pflegekräften

Angesichts vielfältiger gesellschaftlicher und wohlfahrtsstaatlicher Transformationsprozesse werden die Fragen nach den Bedingungen und Möglichkeiten von Pflegearbeit immer wichtiger. Anhand der gegenwärtigen Arbeits- und Berufsbedingungen von Pflegekräften werden nicht nur strukturelle Ungleichheitsfaktoren sichtbar, sondern aktuelle Krisendynamiken geschlechtlicher Arbeitsteilung verdeutlicht. Die Arbeitsfelder Pflege und Gesundheit zeichnen sich durch unterschiedliche institutionelle, gesetzliche und berufshistorische Rahmenbedingungen aus. Jedoch unterliegen beide Bereiche der öffentlichen Daseinsfürsorge einer zunehmenden Steuerung als Dienstleistungsökonomie. Gleichzeitig sind die Mitwirkungsmöglichkeiten der Berufsgruppe(n) z.B. zur gesetzlichen Normgebung gering. Im Rahmen des Forschungsverbundes ForGenderCare wurden im Teilprojekt „Arbeitsbedingungen und Interessenvertretung von Pflegekräften in Bayern" leitfadengestützte Interviews mit Altenpflege- sowie mit Gesundheits- und Krankenpflegefachkräften geführt. Zentral waren hierbei die Fragen nach alltäglicher Bewältigung sowie begünstigenden und hemmenden Faktoren einer widerständigen Praxis und Kollektivierung in Abhängigkeit der unterschiedlichen Berufsgruppen. Der Beitrag beleuchtet die strukturellen Ungleichheiten hinsichtlich AkteurInnen und Institutionen im Arbeitsfeld Pflege und Gesundheit. Diese lassen sich anhand der familialistisch geprägten, kommodifizierten Daseinsfürsorge und Stärkung definitionsmächtiger Kosten- und Leistungsträger aufzeigen. Darüber hinaus und auf Grundlage erster empirischer Daten werden die Deutungs- und Bewältigungsmuster der Pflegekräfte kritisch beleuchtet und in einen bewegungstheoretischen Kontext gesetzt. ----- Who Cares? Structural inequalities in working and professional conditions of nursing – patterns of expression and coping by nurses Abstract Considering the diverse social and welfare state transformation processes, questions about the conditions and possibilities of care work are becoming more and more important. The current conditions for the labor and profession of care workers point out structural factors of inequality. Furthermore, they clarify dynamics in the crises of the gender-specific division of labor. The two fields of work – elderly care and health care – are characterized by different framework conditions according to their institutions, related laws and the history of the professions. However, both fields of public welfare have become increasingly subject to the service economy. At the same time, the possibilities for involvement of the professional groups, for example in the legislative process, are marginal. Within the research group ForGenderCare, the subproject "Working conditions and representation of interests of nurses in Bavaria" conducted guided interviews with nurses for the elderly, health workers and nurses. Essential were questions about coping with everyday problems and challenges as well as favoring and inhibiting factors of a contradictory practice and collectivization depending on the different professional groups. The paper examines the structural inequalities with regard to actors and institutions in the field of elderly care and health care. These can be identified by means of family-oriented, commoditized welfare and the strengthening of determining sponsors and funding agencies. In addition, and on the basis of the first empirical data, the patterns of expression and coping of nurses are critically examined and placed in a movement theory context.

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SARAH SCHILLIGER. KATHARINA SCHILLING
Care-Arbeit politisieren
Herausforderungen der (Selbst-)Organisierung von migrantischen 24h-Betreuerinnen

In Privathaushalten von pflegebedürftigen Menschen hat sich in Deutschland und der Schweiz in den letzten Jahren ein Niedriglohnsektor etabliert, der stark vergeschlechtlicht und ethnisiert ist. Zwar gibt es in beiden Ländern politische und gewerkschaftliche Bestrebungen, diesen Arbeitssektor zu regulieren. Doch zeigt sich im Privathaushalt generell die Schwierigkeit, dass gesetzliche Regelungen aufgrund von starken Machthierarchien und fehlender Kontrollen häufig wenig Geltungskraft entfalten. Mobilisierungen auf internationaler Ebene demonstrieren jedoch, wie migrantische Care-Arbeiterinnen durch (Selbst)Organisation eine Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen erkämpfen konnten. Am Beispiel Deutschlands und der Schweiz fragen wir in unserem Beitrag nach den Möglichkeiten und Herausforderungen der Politisierung von kommerzialisierter Care-Arbeit durch migrantische (Selbst-)Organisierung. Hierfür identifizieren wir zunächst die sich zeigenden Schwierigkeiten anhand von drei Faktorenbündeln: a) Arbeit in der privaten Sphäre des Haushalts; b) Displacement und limitiertes Citizenship im Kontext der Transmigration und c) unzureichende institutionelle Unterstützung. Wie es trotzdem zumindest auf lokaler Ebene zu einer bottom-up Mobilisierung in diesem Sektor kommen kann, arbeiten wir anschließend exemplarisch am Netzwerk Respekt@vpod in Basel heraus. Dabei identifizieren wir drei zentrale Strategien: a) das strategische Einfordern von Rechten und das Heraustreten aus der privaten Sphäre mithilfe von strategischer Prozessführung und öffentlicher Kampagnenarbeit; b) die Überwindung der migrationsbedingten Isolation durch einen Prozess des Emplacements, d.h. der alltäglichen sozialen Vernetzung in der migrantischen Community und c) die gelungene Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen engagierten live-in Care-Arbeiterinnen und der Gewerkschaft vpod. ----- Politicize care work: challenges of the (self-)organizing of migrant 24h-caregivers Abstract In private households of elderly people in need of care, a highly gendered and ethnicized low-wage sector has emerged in Germany and Switzerland over the last few years. Despite political and trade union efforts in both countries to regulate this labor sector, there is a general difficulty to enforce legislations in private households due to strong power hierarchies and lack of controls. Mobilizations at the international level, however, demonstrate how female migrant care workers fight for the improvement of their working and living conditions through (self-)organizing. Looking at Germany and Switzerland, we investigate possibilities and challenges of the politicization of commercialized care work through migrant (self-)organizing. To this end, we first identify the difficulties that appear using three sets of factors: a) work in the private sphere of the household; b) displacement and limited citizenship in the context of transmigration and c) insufficient institutional support. Using the example of the network Respekt@vpod in Basel, we then analyze how, at least at the local level, a bottom-up mobilization in this sector is nevertheless possible. We identify three key strategies: a) the strategic demand for rights and the emergence from the private sphere through strategic law suits and public campaigning; b) overcoming the migration induced isolation by a process of emplacement, through the everyday social networking in the migrant community and c) a successful collaboration at eye level between female activist live-in care workers and the trade union.

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