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2/2007

Schwerpunkt: Cherchez la Citoyenne! Bürger- und Zivilgesellschaft aus geschlechterpolitischer Perspektive

Eva Sänger
Umkämpfte Räume.
Zur Funktion von Öffentlichkeit in Theorien der Zivilgesellschaft

Als kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnet der Begriff der Zivilgesellschaft – bezogen auf „westliche“, demokratisch regierte kapitalistische Gesellschaften – den öffentlichen Raum des Engagements von Vereinen, Verbänden und Bewegungen, der vom Staat, der Wirtschaft und der Privatsphäre, insbesondere der Familie, abgegrenzt wird. Zivilgesellschaftliches Handeln wird als gewaltfrei, dialogisch und gemeinwohlorientiert aufgefasst. Feministinnen kritisieren an dieser Definition die Abgrenzung der Zivilgesellschaft zur Privatsphäre bzw. Familie und fordern die konzeptuelle Einbeziehung der Familie und/oder der Privatsphäre. Der Beitrag führt die These aus, dass die Integration der Familie/Privatsphäre in ein bereichs- oder handlungslogisches Modell der Zivilgesellschaft nicht ausreichend ist für eine Analyse der Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse, wenn zugleich eine normative Konzeption von Öffentlichkeit aufrechterhalten wird. Aufbauend auf den Überlegungen Nancy Frasers (1996, 2001) und aus der Perspektive eines erweiterten Modells der Zivilgesellschaft im Sinne Antonio Gramscis (vgl. Demirovic 1997, 1998; Sauer 2003) zeigt Sänger a) die Begrenzungen eines normativen Öffentlichkeitskonzeptes bei Jürgen Habermas (1992) und Cohen/Arato (1994) für eine Theorie der Zivilgesellschaft auf und b) diskutiert, welche Konsequenzen die repräsentationslogischen Anforderungen pluraler Öffentlichkeiten für feministische Praxen haben.

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Christina Stecker
Ambivalenz der Differenz
– Frauen zwischen bürgerschaftlichem Engagement, Erwerbsarbeit und Sozialstaat

Christina Stecker unterzieht in ihrem Beitrag das Themenfeld „bürgerschaftliches Engagement, Erwerbsarbeit und Sozialstaat“ einer geschlechtersensiblen Betrachtung. Im Zentrum stehen die Handlungsoptionen des aktivierenden Staates zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, die die Autorin zunächst aus zwei Perspektiven diskutiert: Erstens der Perspektive von „unten“. Im Verhältnis von Erwerbsarbeit und bürgerschaftlichem Engagement betrifft dies insbesondere das persönliche Zeitmanagement des bzw. der Einzelnen (Abschnitt 1). Zweitens aus der Perspektive des aktivierenden Staates von „oben“: Dies betrifft Anreize über Verteilungspolitik, das Steuer- und Sozialrecht sowie staatliche Förderprogramme (Abschnitt 2). Als pauschalisierte Handlungsoptionen können beide weder die Multifunktionalität des Non-Profit-Sektors oder die Pluralisierung des bürgerschaftlichen Engagements angemessen berücksichtigen noch sind sie zur Lösung der spezifischen Problemsituationen von Frauen geeignet. Dieser Zusammenhang leitet über zum dritten Abschnitt: Die sozialstaatliche Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements – so die These des Beitrages – ist gerade für Frauen ambivalent. Gezeigt wird, dass einer undifferenzierten pauschalen staatlichen Förderung des bürgerschaftlichen Engagements eine Absage zu erteilen ist. Im Gegenzug wird dem aktivierenden Staat eine dezidierte Förderung (des Engagements) der Frauen als systematische Handlungsoption ebenso empfohlen, wie eine Strategie des Abbaus frauenspezifischer Verhinderungsfaktoren vermehrt zu forcieren.

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Gisela Notz
„Das Museum greift gern auf die einsatzfreudigen Damen zurück.“
Bürgerschaftliches Engagement im Bereich von Kultur und Soziokultur

Bürgerschaftliches Engagement ist seit vielen Jahren nicht nur im Sozial- und Gesundheitsbereich, sondern auch im Bereich von Kultur und Soziokultur nicht zu übersehen. Innerhalb der Soziokultur als „Alternativkultur“ hat die unbezahlte Arbeit eine lange Tradition. Viele Projekte sind durch ehrenamtliche KulturarbeiterInnen entstanden. Aber auch im traditionellen Kulturbereich ist die Ressource „ehrenamtliche Arbeit“ zu einem Thema geworden, das wie kein anderes Konjunktur hat. Fast alle kulturellen und soziokulturellen Einrichtungen arbeiten mit ehrenamtlich Tätigen. Und wie in den traditionellen ehrenamtlichen Bereichen, also Soziales, Gesundheit und Sport, sind es auch im Kulturbereich vor allem Frauen, die die unbezahlten Arbeiten ausführen. Im Vergleich dazu sind Männer dort am meisten vertreten, wo Entscheidungen getroffen werden und die Ämter mit Ansehen verbunden werden. Über das tatsächliche Engagement, die Einsatzbereiche und die damit verbundenen Probleme ist dennoch weniger bekannt, als das für die traditionellen Ehrenamtsbereiche der Fall ist.

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Annette Zimmer, Holger Krimmer
Does Gender matter?
Haupt- und ehrenamtliche Führungskräfte gemeinnütziger Organisationen

Ausgehend von der arbeitsmarktpolitischen Bedeutung des Dritten Sektors beschäftigen sich Annette Zimmer und Holger Krimmer aus einer Geschlechterperspektive mit haupt- und ehrenamtlichen Führungskräften in gemeinnützigen Organisationen. Auf den ersten Blick, so die AutorInnen, scheint Gender kaum einen Unterschied zu machen: Frauen wie Männer in leitender Position teilen die soziale Herkunft, das Bildungsniveau, die Engagementbiographie. Sie ähneln sich in Motivation, Berufszufriedenheit und Wertorientierungen. Woher rührt also der Umstand, dass nicht nur Führungs- und Leitungsaufgaben auch im dritten Sektor vor allem in männlicher Hand sind, sondern auch hier Männer eher die Vollzeit- und Frauen eher die Teilzeitplätze ergattern? Den Unterschied machen die Auswirkungen des Geschlechtervertrags. Auch im gemeinnützigen Sektor liegt die Reproduktionsarbeit bei den Frauen, wie die Unterschiede in Bezug auf Familienstand, Kinderzahl und Zuständigkeit für Hausarbeit und Kindererziehung verdeutlichen. Dies gibt letztendlich den Ausschlag.

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Anne Jenichen
Frauenbewegung und externe Friedensförderung in Bosnien-Herzegowina

Seit Ende des Kalten Krieges haben sich internationale Interventionen als verbreitetes Instrument des Konfliktmanagements herausgebildet. Der Frage, wie Frauenorganisationen sich unter solchen Bedingungen externer Regulierung entwickeln und engagieren, wird im Beitrag am Beispiel Bosnien-Herzegowinas nachgegangen. Die Aktivitäten von Frauen in Nachkriegsgesellschaften und deren Beitrag zu Friedens- und Demokratisierungsprozessen werden sowohl in praktisch-politischen als auch in wissenschaftlichen Kreisen zunehmend diskutiert. Die empirische Forschung zu diesen Prozessen befindet sich jedoch noch am Anfang. Bisher gibt es nur wenige Studien zu der Frage, unter welchen Bedingungen sich Frauen in Nachkriegsgesellschaften organisieren und welche konkreten Auswirkungen dieses Engagement hat. Der Beitrag macht sich Erkenntnisse aus der Forschung zu Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen in Nachkriegsgesellschaften zunutze, um die spezifischen Bedingungen von Frauenorganisationen in einem solchen Kontext kritisch zu reflektieren.

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Tanja Scheiterbauer
Geschlecht – Islam – Zivilgesellschaft.
Hegemonietheoretische Überlegungen zur zivilgesellschaftlichen Partizipation Kopftuch tragender Frauen in der Türkei

Tanja Scheiterbauer stellt am Beispiel der Türkei hegemonietheoretische Überlegungen zu den Themenkomplexen Geschlecht, Islam und Zivilgesellschaft an. Dabei zieht sie zur Analyse islamischer Frauenbewegungen ein an Gramsci angelehntes Konzept von Zivilgesellschaft heran. Aus dieser Perspektive zeigt sie die Transformation des Verhältnisses von Staat und Zivilgesellschaft und die veränderte Rolle der Religion auf. Sie zieht die Schlussfolgerung, dass die zivilgesellschaftliche Partizipation Kopftuch tragender Frauen nicht etwa eine Wiederkehr des Religiösen markiert, sondern dass es sich vielmehr um einen Kampf um gesellschaftliche Hegemonie (hier eines politischen Projekts mit dem Ziel einer „türkisch-islamischen Synthese“) handelt. Die Erweiterung von Handlungsspielräumen für Frauen kann aus dieser Perspektive nicht ohne weiteres mit Demokratisierungsprozessen gleichgesetzt werden.

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Chris Lange
Diversity Management:
Mehr Gewinn durch weniger Diskriminierung?

The European Union is an increasingly relevant political force in many political fields – particularly in gender policies – and thus impacts not only commercial enterprises and political actors but also organisations of civil society. Vice versa civil society organisations have gained considerable relevance at the European political level over the last about two decades. The paper intends to draw a line between these two strands of European policy. In the context of a case study on Germany , it examines civil society organisations in the social field both under a Gender perspective and in regards to the European integration process. The study asks specifically: What is the situation in German civil society organisations in the social field concerning gender issues? Have these organisations been affected by the European gender policy? What have been European policies regarding civil society organisations and gender equality? In how far have they been interconnected? Which conclusions can be drawn from the development of both strands?

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