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2/2008

Schwerpunkt: Feminisierung der Politik? - Neue Entwicklungen und alte Muster der Repräsentation

SARAH CHILDS, MONA LENA KROOK
Theorizing Women’s Political Representation:
Debates and Innovations in Empirical Research

Politische Repräsentation ist das zentrale Thema in den Forschungsarbeiten über Frauen in der Politik. Für die feministische Politikwissenschaft ist dabei von besonderem Interesse, inwieweit eine höhere Zahl von Frauen in politischen Ämtern (deskriptive Repräsentation) auch zu einer erhöhten und verbesserten Aufmerksamkeit für frauenpolitische Anliegen führt (substanzielle Repräsentation). Die bisherigen Untersuchungen über diesen Zusammenhang kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Der Aufsatz gibt zunächst einen Überblick über die zentralen Diskurse und Ergebnisse der Repräsentationsforschung, in denen je nach Zugang die Anzahl von Frauen, die Kontexte, die Persönlichkeiten, die Themen oder auch die „policy-making“-Prozesse in den Blick genommen werden, um sich diesem Zusammenhang anzunähern. Darüber hinaus verweisen die Autorinnen aber auch auf neuere Ansätze, mit denen die komplexen Dynamiken hinter den bestehenden Mustern politischer Repräsentation analysiert werden sollen. Damit zeigen sie Wege auf, für nachfolgende Untersuchungen bessere und nützlichere Forschungsdesigns zu entwickeln, mit denen das Wissen über die politische Präsenz von Frauen verbessert werden kann.

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TATJANA RODE
Der peruanische Kongress im Wandel.
Die Entwicklung der parlamentarischen Repräsentation von Frauen in Peru

Obgleich Frauen knapp die Hälfte der Weltbevölkerung stellen, sind sie nach wie vor in allen Abgeordnetenhäusern der Welt unterrepräsentiert. Trotz dieser negativen Bilanz hinsichtlich der parlamentarischen Vertretung von Frauen lassen sich in einigen Staaten erhebliche Fortschritte beobachten. Im Andenland Peru beispielweise konnte sich der Anteil an Parlamentarierinnen seit den 1990er Jahren mehr als vervierfachen. Der Beitrag geht der Frage nach, weshalb der Frauenanteil im peruanischen Kongress innerhalb weniger Jahre so stark angewachsen ist. Unter Anwendung eines Erklärungsmodells aus der Repräsentations- und Partizipationsforschung wird die markante Steigerung der weiblichen Vertretung im peruanischen Kongress anhand kultureller, soziostruktureller und institutioneller Faktoren untersucht.

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FRAUKE RUBART
Finnland: EU-Staat mit Präsidentin und weiblicher Regierungsmehrheit

Ausgehend von der Tatsache, dass die Republik Finnland seit dem Jahr 2000 ein weibliches Staatsoberhaupt hat, wird in diesem Beitrag untersucht, ob die Präsidentin als Symbol für gleiche Chancen in der finnischen Politik betrachtet werden kann. Dabei wird die historische Entwicklung der Repräsentation von Frauen in der nationalen Volksvertretung und in der Regierung in den rund 100 Jahren des Bestehens der parlamentarischen Demokratie mit allgemeinem und gleichem Wahlrecht dargelegt. Der – notwendigerweise kurze – Blick auf die diskontinuierlich verlaufende Erfolgsgeschichte zeigt hinsichtlich der deskriptiven und der substanziellen Repräsentation von Frauen im finnischen Wohlfahrtsstaat als Ergebnis, dass die Finninnen heute mit 42% der Parlamentsmandate und 60% der Regierungsämter das in der Gesellschaft verankerte Ziel der Chancengleichheit in der Politik erreicht haben und dort von einer Marginalisierung der Frauen keine Rede mehr sein kann. Auch wenn noch nicht alles optimal ist: In der Gegenwart steht Finnland bezüglich des Geschlechterverhältnisses in der Politik ebenso vorbildlich da wie 1906, als dieses nordische Land als erster Staat in Europa das Frauenstimmrecht eingeführt hatte, und die oberste Repräsentantin, Präsidentin Tarja Halonen, plädiert darüber hinaus für fördernde Maßnahmen, um die traditionellen Geschlechtsmuster weiter aufzubrechen – zum Wohl von Frauen und Männern.

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LARS HOLTKAMP, SONIA SCHNITTKE
Erklärungsmodelle für die Unterrepräsentation von Frauen
Eine Analyse am Beispiel der Kommunalparlamente von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen

In diesem Beitrag wird ausgehend von einem neuen Erklärungsmodell die Unterrepräsentanz von Frauen in den deutschen Kommunalparlamenten untersucht. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Unterrepräsentanz im Wesentlichen von der positiven und negativen Diskriminierung in den Parteiorganisationen abhängt. Weder die Wählerschaft über das personenorientierte Wahlrecht, noch die Frauen selbst über ein vermeintlich geringes politisches Interesse können somit für die Unterrepräsentanz verantwortlich gemacht werden, sondern die Parteiorganisationen haben es über die Quotierung selbst in der Hand, für eine geschlechtergerechte Repräsentanz auf kommunaler Ebene zu sorgen, die derzeit selbst in Großstädten nicht anzutreffen ist.

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CHRISTIANE LEMKE
Gender Gap:
Repräsentation von Frauen und Gender-Themen bei den US-Präsidentschaftswahlen 2008

Vor dem Hintergrund der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2008 stellt sich die Frage, welche Rolle Frauen in der amerikanischen Politik spielen. Im Mittelpunkt des Artikels stehen Repräsentanz und Anerkennung von Geschlechterfragen im liberalen Demokratiemodell. Welche Partizipations- und Repräsentationschancen ergeben sich für Frauen im liberalen Demokratiemodell, und welche Bedeutung haben Gender-Themen in der amerikanischen Politik? Ist die Niederlage von Hillary Clinton im Vorwahlkampf der Demokraten auf immer noch bestehende Vorurteile gegenüber Frauen zurückzuführen, oder sind andere Gründe für dieses Ergebnis ausschlaggebend? Welche Perspektiven eröffnen sich für einen gesellschaftlichen und politischen Wandel? Gerade in der amerikanischen Gesellschaft ist die Situation von Frauen äußerst vielschichtig; die Geschlechtervariable bietet daher einen ersten Zugriff zum Verständnis politischer Repräsentation in einer Gesellschaft, die durch Intersektionalität charakterisiert ist. Dabei weisen amerikanische Studien darauf hin, dass es in der Gender-Forschung immer noch ein Defizit an Erkenntnissen über die Bedeutung von Geschlechterverhältnissen für politische Institutionen sowie die politische Aktivität von Frauen gibt.

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NADJA SENNEWALD
Aschenputtel, Femme fatale und Eiserne Lady.
Ereignisbilder und ihre Diskurs- politik am Beispiel von Angela Merkel, Gabriele Pauli und Hillary Clinton

„Visibility“, die Sichtbarkeit der Macht innehabenden Frau im medial verbreiteten Bild, formt den Diskurs über Frauen und Macht zentral. Nadja Sennewald analysiert medial breit diskutierte „Bildereignisse“, die bestimmte kollektive Symboliken transportieren – in diesem Fall zur Diskursverknüpfung Frauen und Macht. Die Aufmerksamkeit, die Angela Merkels Dekolletee zuteil wurde (April 2008), der Skandal um Gabriele Paulis Modestrecke in dem Magazin Park Avenue (April 2007), die Diskussion um Hillary Clintons Gefühlsausbruch bei einer Wahlkampfveranstaltung (Januar 2008) – in den genannten Beispielen wird auf unterschiedliche Art und Weise die „Femininität“ der Politikerinnen verhandelt. Mit Hilfe von detaillierten Bildanalysen und der diskursanalytischen Interpretation des zugehörigen Textes werden wiederkehrende Motive und Elemente des Diskurses über Frauen und Macht identifiziert und benannt. Es wird diskutiert, ob diese Motive historisch geformten, stereotypen Bildern von Frauen und Macht folgen oder ob sie neue Variationen aufweisen.

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NADJA SENNEWALD
Aschenputtel, Femme fatale und Eiserne Lady.
Ereignisbilder und ihre Diskurs- politik am Beispiel von Angela Merkel, Gabriele Pauli und Hillary Clinton

„Visibility“, die Sichtbarkeit der Macht innehabenden Frau im medial verbreiteten Bild, formt den Diskurs über Frauen und Macht zentral. Nadja Sennewald analysiert medial breit diskutierte „Bildereignisse“, die bestimmte kollektive Symboliken transportieren – in diesem Fall zur Diskursverknüpfung Frauen und Macht. Die Aufmerksamkeit, die Angela Merkels Dekolletee zuteil wurde (April 2008), der Skandal um Gabriele Paulis Modestrecke in dem Magazin Park Avenue (April 2007), die Diskussion um Hillary Clintons Gefühlsausbruch bei einer Wahlkampfveranstaltung (Januar 2008) – in den genannten Beispielen wird auf unterschiedliche Art und Weise die „Femininität“ der Politikerinnen verhandelt. Mit Hilfe von detaillierten Bildanalysen und der diskursanalytischen Interpretation des zugehörigen Textes werden wiederkehrende Motive und Elemente des Diskurses über Frauen und Macht identifiziert und benannt. Es wird diskutiert, ob diese Motive historisch geformten, stereotypen Bildern von Frauen und Macht folgen oder ob sie neue Variationen aufweisen. Abschließend wird gefragt, inwiefern sich der Diskurs über Frauen und Macht mit Elementen des Femininitäts-Diskurses überlappt oder sogar identisch ist.

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MARION LÖFFLER
Transformation des politischen Feldes als Chance für feministische Politik?

Politik ist längst kein „Männerberuf“ mehr. Das Eintreten von Frauen in traditionelle Politikarenen gab schon früh Anlass zur Frage, ob und wie sich Politik ändern würde, die vorrangig als männliche Kultur wahrgenommen wurde. Die politikwissenschaftliche Forschung attestierte Frauen eine besondere Politikferne, vor allem eine Distanz zu politischen Institutionen. Diese Einschätzung basierte auf einem institutionell eng gefassten und konfliktorischen Politikverständnis. Ziel dieses Artikels ist es, die diesem Politikverständnis entsprechende theoretische Konzeption von Politik daraufhin zu überprüfen, ob sie einerseits Frauen in der Politik, andererseits auch „feministische Politik“ zu erklären vermag. Meine Hypothese lautet, dass für Frauen in der Politik tatsächlich keine unüberwindbaren Hürden eingelassen sind, feministische Politik jedoch als strukturell benachteiligt angesehen werden muss. Referenzpunkt bildet ein „realistischer Politikbegriff“ wie er insbesondere von Max Weber geprägt wurde. Mithilfe der feministischen Weberkritik wird aufgezeigt, wie sehr dieser Politikbegriff maskulinistisch geprägt ist. Um die impliziten Regeln des politischen (Macht-)Spiels in ihren Geschlechterdimensionen aufzuzeigen, wird Pierre Bourdieus „politisches Feld“ als eine kritische Erläuterung zu Weber interpretiert. Damit werden die konzeptionell eingelassenen Hindernisse für Frauen sowie für feministische Politik sichtbar. Abschließend werden aktuelle Debatten um Transformationen des politischen Feldes dahingehend befragt, ob sie die konzeptionellen Hindernisse für feministische Politik beseitigen.

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CHRISTA WICHTERICH
Globale Verschwisterung im Log Frame?
Zur Institutionalisierung von Frauen- und Genderpolitik in der Entwicklungszusammenarbeit

Die Entwicklungszusammenarbeit kann auf eine über 30-jährige Geschichte der Institutionalisierung von Frauen- und Geschlechterpolitik zurückblicken. Sie begann mit einzelnen Frauenprojekten, erlebte einen Boom mit Frauenförderung und Gender Mainstreaming, verzweigte sich in Maskulinitäts-Trainings und läuft inzwischen in einer „Gender Fatigue“, einer transnationalen Erschöpfung aus. Die historische Fallstudie eines kirchlichen Hilfswerks zeigt, dass Frauen der unteren Ebene in der Beschäftigungshierarchie mit informellen, selbstorganisierten Formen die treibende Kraft für die Neukonfiguration der Geschlechterordnung innerhalb der Institution und in der Projektpolitik waren. Ihr internen Kämpfe lösten ein Jahrzehnt lang heftige Widerstände und eine Krise der professionellen Männlichkeit in der Organisation aus. Dabei war das Eigeninteresse an interner personalpolitischer Gleichstellung eng verzahnt mit dem solidarischen Engagement und einer strategischen Repräsentanz für eine geschlechtergerechte Projektpolitik. Die frauenbewegte, emphatische Dynamik mündete in Gender-Technologien, die institutionell verankert sind, aber das Thema nicht zum Selbstläufer machen. Vielmehr zeigt sich hier ein Dilemma der Institutionalisierung, da der ehemals emanzipatorische Gehalt in Verfahrenstechniken gepresst wird und dadurch das politische Projekt zu einem technischen zu schrumpfen droht.

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