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1/1999

Schwerpunkt: 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland - ein feministischer Rückblick

Sabine Berghahn
50 Jahre Gleichberechtigungsgebot:
Rechtliche Fortschritte und Enttäuschungen

Die entscheidende Verbesserung des Gleichberechtigungsgebots des Grundgesetzes gegenüber der Formel von der staatsbürgerlichen Gleichheit der Geschlechter in der Weimarer Verfassung war, daß es sich nunmehr um eine umfassende, d.h. für alle Lebens- und Rechtsgebiete geltende Gleichberechtigung handelte. Diesem Anfangserfolg im Parlamentarischen Rat, der eng mit der Person von Elisabeth Selbert verbunden ist, folgte jedoch eine „bleiernde" Zeit der Restauration in den fünfziger und sechziger Jahren, hier korrigierte immerhin das Bundesverfassungsgericht die schlimmsten Auswüchse der Gesetzgebung. Mit der sozialliberalen Koalition und der Neuen Frauenbewegung kam zu Beginn der siebziger Jahre ein wenig Reformdynamik auf: Vor allem die „große" Reform des Ehe- und Scheidungsrechts (1976) und die - wenn auch vom Bundesverfassungsgericht konterkarierte - Liberalisierung des Abtreibungsrechts (1974/1976) kennzeichnen die Orientierung dieser Regierungsphase. Nach der „Bonner Wende" von 1982 bis zur Abwahl der Regierung Kohl im Herbst 1998 war die gleichstellungspolitische Entwicklung - anders als in der konservativen Anfangsperiode - von einer Gemengelage modern-konservativer Regierungsinitiativen, sozialdemokratisch-grüner Länderaktivitäten, europarechtlicher Direktiven und Urteile sowie frauenbewegter Impulse beeinflußt. Im Bundestag kam es sogar zu überfraktionellen Frauenbündnissen beispielweise in der Abtreibungsfrage, jedoch wurde auch dieser legislative Kompromiß vom Bundesverfassungsgericht durchkreuzt. Vergleicht man die gleichstellungsrechtliche Entwicklung von DDR und BRD, so wurden in der DDR relikthafte Normen schneller außer Kraft gesetzt und ganze Rechtsgebiete positiv reformiert; Recht und sein Entstehungsprozeß hatten jedoch für Gesellschaft und Individuum einen deutlich geringeren Stellenwert. Die deutsche Vereinigung brachte ostdeutschen Frauen einen sozialpolitischen Rechts- und Statusverlust und nur sehr kleine gesamtdeutsche Gewinne. Zukunftsaufgaben der rechtlichen Gleichstellungspolitik dürften vor allem im Aufspüren und Unterbinden „mittelbarer" Diskriminierung in allen möglichen Lebensbereichen sowie im Umbau des Erwerbs- und Sozialsystems in Richtung auf eine geschlechteregalitäre individuelle Sicherung mit geteilter Verantwortung für den Reproduktiuonsbereich liegen, dazu bedarf es auch einer Revison der normativen Ehezentrierung im deutschen Recht.

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Irene Gerlach
Familienpolitik der Bundesrepublik Deutschland:
Von der Institutionenpolitik zur Steuerung der "Humanvermögensproduktion"?

In den zurückliegenden 50 Jahren des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland hat die Familienpolitik ihr Gesicht gewandelt. Anfänglich noch nicht einmal als policy-fähig allgemein anerkannt ist sie heute neben der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik in das Zentrum der Neubestimmung sozialstaatlicher Sicherungsgewährung einerseits und bestandssichernder Leistungsanerkennung andererseits gerückt. Anhand der Gliederungspunkte "Politik des Familienlasten- oder leistungsausgleichs", "Politik der rechtlichen Steuerung des familiären Binnenraums", "Politik der Steuerung der familiären Außenbeziehungen" und "Politik für eine Humanvermögensproduktion auf neuen Säulen" wird in dem Aufsatz die Entwicklung der Familienpolitik in den 50 Jahren Nachkriegsdeutschland nachgezeichnet und werden die zentralen aktuellen Aufgabenstellungen skizziert.

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Sigrid Koch-Baumgarten
Vom "Arbeitnehmerpatriarchat" zur Quotengewerkschaft?
Ein Rückblick auf 50 Jahre Geschlechterverhältnisse in den Gewerkschaften der Bundesrepublik

In der Forschung werden die Leistungen der Gewerkschaften für die Geschichte der Bundesrepublik im Spannungsfeld zwischen (männlichen) Kapital- und Arbeitsinteressen bilanziert. Im Zentrum des Interesses steht der gewerkschaftliche Beitrag für die soziale Gleichstellung und politische Emanzipation eines vorrangig männlich gedachten Arbeitnehmers. Der vorliegende Rückblick auf 50 Jahre Gewerkschaftspolitik hingegen fokussiert ausgehend von den Geschlechterverhältnissen in den Gewerkschaften deren Beitrag für die politische und wirtschaftliche Gleichstellung der Geschlechter in der Bundesrepublik. Festgestellt wird ein struktureller und inhaltlicher Konservatismus der Verbände, die wenig dazu beigetragen haben, die Repräsentanz von Frauen und ihrer Interessen im Politischen- und Wirtschaftssystem der Bundesrepublik entscheidend zu verbessern. Sie erkannten Männern einen Prioritätsanspruch auf gesellschaftlich anerkannte und höherwertige Arbeit, auf bessere Entlohnung und auf politische Repräsentation und Macht zu. Unter geschlechterpolitischen Aspekten sind Gewerkschaften keine „Gegenmacht"institution, sondern Ordnungsfaktor.

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Anke Heimberg
Time Lag
- Zur Institutionalisierung von Frauen- und Geschlechterforschung in der Lehre an deutschen Hochschulen

„Es ist unheimlich viel passiert, aber geändert hat sich eigentlich so gut wie gar nichts", so lautete das (vorläufige) Resümee, das Angelika Wetterer aus zehn Jahren Frauenförderung angesichts der Situation von Wissenschaftlerinnen an deutschen Hochschulen zog (Wetterer 1994, 93). Eine Bilanz, die so erfreulicherweise nicht auf die universitäre Verankerung von Frauen- und Geschlechterforschung zutrifft, möglicherweise jedoch durchaus noch den derzeitigen Institutionalisierungsstand von Frauen- und Geschlechterstudien wiedergibt. Der Beitrag von Anke Heimberg zeichnet die verschiedenen Wege und einzelnen Stationen der Integration feministischer Forschung und Studien nach. Dabei wird – mit besonderem Blick auf die Institutionalisierungsbemühungen an der Marburger Philipps-Universität – der Schwerpunkt auf Verankerungsprozessen der Frauen- und Geschlechterstudien liegen.

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Silke Schneider
Die Ruferin in der Wüste?
Historische Frauenforschung und die aktuellen Debatten über die NS-Vergangenheit

In der Bundesrepublik hat es in den 50 Jahren ihres Bestehens verschiedene Konjunkturen von Erinnerungskultur und -politik gegeben. In jüngster Zeit haben eine Reihe von Debatten, die sich im Kern um die Frage des "richtigen" Umgangs mit der NS-Vergangenheit und des angemessenes Gedenkens an die Opfer drehen, ein breites Medienecho gefunden. Experten aus Geschichte und Gesellschaftswissenschaften melden sich zu Wort. Expertinnen scheinen rar gesät und ein Blick, der Geschlechterstrukturen bei der Betrachtung von TäterInnen und Opfern berücksichtigt, kommt in der öffentlichen Debatte nicht vor. Zwanzig Jahre Frauenforschung zum Nationalsozialismus bleiben auf eine fachwissenschaftliche Öffentlichkeit beschränkt. Dennoch kann der unreflektierte Bezug auf Zeitzeuginnenaussagen und solidarische Blick auf Frauen in der Geschichte zu falschen Solidarisierungen und Einordnungen im vergangenheitspolitischen Diskurs führen.

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Juliette Wedl
Umstrukturierung eines Diskurses:
Der Wandel medialer Verteidigungsstrategien patriarchaler Strukturen

Eine Analyse des frauenpolitischen Diskurses der FAZ – 1980 und 1995 im Vergleich. Die Strukturierungen des Diskurses, der hier unter Vorbehalt als 'frauenpolitischer Diskurs' bezeichnet wird, und die damit einhergehenden Konstruktionen von Geschlechterverhältnissen weisen nicht nur Kontinuitätslinien, sondern auch Modifikationen, Transformationen und Brüche auf. Anläßlich des Rückblicks auf 50 Jahre BRD aus feministischer Perspektive steht auch eine Analyse des 'frauenpolitischen Diskurses' hinsichtlich seiner Beständigkeiten und seines Wandels an. Der vorliegende Beitrag zielt in dem aufgezeigten Rahmen auf die Analyse des medialen Diskurses. Im Anschluß an eine kurze Darstellung diskursanalytischer Theorie und hegemonialer Entwicklungslinien der Begriffe 'Emanzipation' und 'Feminismus' im öffentlichen Sprachgebrauch der BRD bis Anfang der 80er Jahre stelle ich Ergebnisse aus meiner diskursanalytischen Untersuchung vor. Der Fokus des Artikels liegt dabei auf einer Schlüsselwortanalyse der Begriffe 'Emanzipation' und 'Feminismus', exemplarisch durchgeführt an der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' (FAZ) von 1980 und 1995. Die jeweiligen Artikulationen innerhalb eines Jahrganges wie auch ihr Wandel im Vergleich der beiden Zeitpunkte lassen unterschiedliche Strukturierungen des Feldes der Geschlechterverhältnisse erkennen. Diese werden sowohl in ihren aufeinander bezogenen Beziehungsstrukturen als auch in den Verschiebungen der Verteidigungsstrategien patriarchaler Strukturen analysiert. Abschließend werden mögliche Konsequenzen aus der Analyse für eine – veränderte? – feministische Politik zur Diskussion gestellt.

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