2/2009
Schwerpunkt: Feministische Postkoloniale Theorie: Gender und (De-)Kolonisierungsprozesse
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María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan
Europa provinzialisieren? Ja, bitte! Aber wie?!
Postkoloniale Theorie ist im deutschsprachigen Raum zu einem einflussreichen kritischen Diskurs aufgestiegen und hat auch innerhalb der Politikwissenschaften zunehmend an Bedeutung gewonnen. Feministische Interventionen haben dabei nicht nur Geschlechterfragen innerhalb postkolonialer Analysen fokussiert, sondern desgleichen auf das Zusammenspiel von race, Gender, Sexualität und kolonialen Machtstrukturen verwiesen.
Ein wesentlicher Aspekt des Dekolonisierungsprozesses ist Dipesh Chakrabarty zufolge die „Provinzialisierung Europas“. Hieraus ergeben sich mehrere Fragen: Etwa: Wie lässt sich Europa provinzialisieren, wenn akademische Disziplinen wie Geschichte und Politikwissenschaften durch die europäisch-disziplinäre Hegemonie geformt sind? Und insoweit die akademischen Disziplinen nicht nur eurozentrisch, sondern bekanntlich auch androzentrisch geprägt sind: Welchen Stellenwert nimmt feministisch-postkoloniale Forschung gegenüber dem Projekt der „Dekolonisierung hegemonialen Wissens“ ein?
Vor diesem Hintergrund werden im vorliegenden Heft die Implikationen des Kolonialismus für die Verfasstheit gegenwärtiger globaler feministischer Politiken analysiert und Dekolonisierungsprozesse in ihrem Verhältnis zu Transnationalismus, Globalisierung, Governance, Migration etc. nachgezeichnet. Dabei ist der Fokus darauf gerichtet, wie nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft der westlichen und nicht-westlichen Welten zutiefst miteinander verwoben sind.
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Gayatri Chakravorty Spivak
Alte und neue Diasporas: Frauen in einer transnationalen Welt
Die Ausbreitung eines neoliberalen Wirtschaftssystems hat die Möglichkeiten sozialer Umverteilung in Entwicklungsländern ernsthaft beeinträchtigt. Im Zentrum dieser neuen Transnationalität, die zu eurozentrischer Migration geführt hat, steht die diasporische Frau in ihrem Einsatz für die Zukunft des Eurozentrismus. Doch selbst die außerordentliche Komplexität postkolonialer Diasporastudien kann einige Phänomene von „Frauen in einer transnationalen Welt“ nicht erfassen, nämlich Heimarbeit, Bevölkerungskontrolle, Gruppen, die keine Diaspora bilden können und Ureinwohnerinnen außerhalb der Amerikas. Der Beitrag fasst die Situation großer Bevölkerungsgruppen, insbesondere von Frauen, ins Auge, die in der Transnationalität überleben, ohne in die Diaspora zu entkommen.
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Deniz Kandiyoti
Politische Fiktion trifft auf Geschlechtermythos:
Postkonflikt-Wiederaufbau, „Demokratisierung“ und Frauenrechte
Versuche, eine Agenda der Geschlechtergleichheit und -gerechtigkeit in Konflikt- und Postkonflikt-Situationen zu etablieren, stellen uns vor andauernde Herausforderungen konzeptueller wie praktischer Art. Geschlechterfragen werden gerade in geopolitischen Machtspielen auf neue und oft kontraproduktive Weise politisiert. Mit Bezug auf neuere Ereignisse im Irak und in Afghanistan wird in diesem Artikel über die komplexen Folgen reflektiert, wenn bewaffnete Interventionen in von internationalen Gebern gesponserte Steuerungsprogramme münden, in denen Gender Mainstreaming und Frauenrechte in ein Paket gebergeleiteter Vorschriften geschnürt werden. Die Schwierigkeiten, angesichts dieser Entwicklungen eine prinzipiengeleitete feministische Antwort (und angemessene Politik der Solidarität) zu finden, liegen auf der Hand
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Shalini Randeria
Ökologische Governance. Zwangsumsiedlung und Rechtspluralismus im (post)kolonialen Indien
Die neue Sprache und politische Umsetzung einer globalisierten ökologischen Governance weist eine komplexe koloniale Genealogie auf. Die vorliegende Fallstudie zeichnet die postkolonialen Kontinuitäten und Verschiebungen in der Erhaltung von Biodiversität und geschützten Tierarten in Indien im Zuge von durch die Regierung veranlasste und durch Dokumente belegte Zwangsmaßnahmen nach. Anhand von ethnographischem Material aus dem Gir-Nationalpark werden die doppelten Prozesse von nature-making und state-building von den sozialen und territorialen Rändern des Staates her analysiert. Diese willkürlichen und repressiven Praktiken basieren auf einem komplexen Zusammenspiel von nationalen Gesetzen, Kreditvergabebedingungen der Weltbank und verschiedenen Formen internationaler Normen, die von lokalen Nichtregierungsorganisationen im Bereich der Menschenrechte und des Umweltschutzes eingefordert werden. Aus feministisch-postkolonialer Perspektive werden einige Dilemmata der Dekolonisierung der Imagination innerhalb des globalen Südens in Zusammenhang mit der Globalisierung des Rechts aufgezeigt.
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Nikita Dhawan
Zwischen Empire und Empower: Dekolonisierung und Demokratisierung
Im Gegensatz zu der offenkundigen Begeisterung für kosmopolitische Demokratie als eine Lösung für historische Ungerechtigkeiten und als Hoffnung für Solidarität jenseits der Grenzen, weisen postkoloniale TheoretikerInnen auf die Komplizenschaft von kosmopolitischen Solidaritätsbekundungen mit globalen Herrschaftsstrukturen hin. Die Prozesse der Dekolonisierung, so wird im Text argumentiert, können nicht allein durch Entwicklungspolitiken oder ungeduldige Menschenrechtsinterventionen Erfolg zeitigen. Der Text setzt sich mit den Themen Entwicklungszusammenarbeit, Dekolonisierung und Demokratisierung aus feministisch-postkolonialer Perspektive auseinander.
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Elisabeth Fink, Uta Ruppert
Postkoloniale Differenzen über transnationale Feminismen.
Eine Debatte zu den transnationalen Perspektiven von Chandra Mohanty und Gayatri Spivak
Der vorliegende Beitrag untersucht postkoloniale Perspektiven auf transnationale Feminismen. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Sichtweisen der bekanntesten Kritikerinnen der bis Mitte der 1980er Jahre propagierten Idee „globaler Schwesternschaft“, Chandra T. Mohanty und Gayatri C. Spivak. Ihre jeweils spezifischen Konzeptualisierungen transnationaler Feminismen werden insbesondere danach befragt, welche Angebote sie hinsichtlich der Möglichkeit einer transnationalen feministischen Solidarisierung über die Grenzen von Nord und Süd sowie race und class entwerfen. Daran werden sowohl die Spannbreite analytischer (und politischer Argumente) innerhalb des Paradigmas als auch Anschlussstellen und Perspektiven für weitere Debatten aufgezeigt.
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Rirhandu Mageza-Barthel, Beatrix Schwarzer
Gleichheit oder Gleichgültigkeit?
Vom Ende der Regenbogennation
2008 berichtete die internationale Presse über gewalttätige Ausschreitungen gegen MigrantInnen in Südafrika. Die Massivität und Brutalität dieser Attacken standen im Gegensatz zu den Vorstellung über die neue Demokratie, die Gilroy (2005) als Hoffnungsträger einer multikulturellen Gesellschaft beschrieb. Die Regenbogennation, die auf den Grundsätzen von Gleichheit und Gerechtigkeit aufbaut, zeichnete sich am Anfang der Attacken vor allem dadurch aus nicht einzugreifen und die xenophobe Gewalt dadurch zu dulden.
Im Artikel werden wir, vor dem Hintergrund der historischen und politischen Situierung Südafrikas als ehemalige Siedlungskolonie und heutigem Einwanderungsland, die Ursachen, den Verlauf und die Lokalität der xenophoben Ausschreitungen beleuchten. Wir gehen davon aus, dass die Attacken auf die fortwährend stattfindenden politischen und ökonomischen Ein- und Ausschlüsse gründen. Gleichzeitig hinterfragen diese Ausschreitungen, so unsere These, die Rolle des Staates als Ordnungsmacht und verweisen darauf, dass sich – trotz politischer Versprechen - die Lebensverhältnisse der Mehrheit kaum verbessert haben und die verfassungsmäßig garantierte Gleichheit in weite Ferne gerückt zu sein scheint. Wir werden der Frage nachgehen, inwieweit die Attacken auch als Indikator für ein Abrücken von Idealen der Regenbogennation gesehen werden können und damit eine Infragestellung der Grundsätze südafrikanischer Demokratie sein könnten.
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Jeanette Ehrmann
Frauenrechte im Prozess der Dekolonisierung.
Zur Kritik der Menschenrechte aus (postkolonial) feministischer Perspektive
Aufgrund ihrer Fundierung im europäischen Naturrechtsdenken, ihrer Verstrickung mit der Geschichte des Kolonialismus und des Vorwurfs ihrer Funktionalisierung für eine westliche Interessenpolitik, werden Menschenrechte als globaler normativer Maßstab weltweit herausgefordert. Dies erweist sich gerade für die durch internationale Menschenrechtsstandards abgesicherten Frauenrechte als prekär. Im vorliegenden Beitrag sollen mit Martha C. Nussbaum und Gayatri C. Spivak die Menschenrechtskritik und die alternativen Menschenrechtskonzeptionen zweier feministischer Theoretikerinnen diskutiert werden, die je unterschiedliche Antworten auf den normativen Status der Menschenrechte und ihre politische Umsetzung in der postkolonialen Situation geben.
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Claudia Brunner, Daniela Hrzán
Female Suicide Bombing – Female Genital Cutting.
Wissen über ‚die ganz andere Andere’ im Spannungsfeld von physischer, politischer und epistemischer Gewalt
Im vorliegenden Beitrag werden Gemeinsamkeiten und Verschränkungen von vorrangig im wissenschaftlichen Feld verorteten englischsprachigen Diskursen über „Female Suicide Bombing“ und „Female Genital Cutting“ aus einer wissenssoziologisch-diskursforschenden, postkolonialen und feministischen Perspektive untersucht. Die Autorinnen gehen davon aus, dass es sich bei den verhandelten Phänomenen nicht nur um soziale Ereignisse direkter physischer und psychischer Gewaltanwendung im Kontext struktureller Gewalt handelt, sondern auch um Wissensobjekte, die Spuren so genannter epistemischer Gewalt erkennen lassen. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser auch im wissenschaftlichen Diskurs stark emotionalisierten Wissensobjekte ist – so die These – die Betonung und Hervorbringung einer „ganz anderen Andersheit“ der verhandelten Frauen, die diskursiv in einem okzidentalistischen Rahmen eines als qua „Kultur“ gewalttätigen orientalisierten Patriarchats verortet werden. Diese spezifische Fokussierung ermöglicht auf Seiten der SprecherInnenpositionen eine moralische Distanzierung von den analysierten Gewaltakteurinnen und eine moralische Vereinnahmung ihrer Opfer sowie eine als emanzipativ gelesene Autorisierung des über (und gegebenenfalls auch für und durch) sie Sprechens. Dem in der Wissensproduktion erkennbaren Prozess der Abtrennung von historischen und politischen Rahmenbedingungen nachzugehen und das Verhältnis zwischen physischer, politischer und epistemischer Gewalt zu problematisieren ist das zentrale Anliegen des Aufsatzes.
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